Artikel von Peter Groschupf

Oliver Zipse auf der Hauptversammlung: „Der BMW Weg ist nicht Mainstream.“

Auf der BMW-Hauptversammlung wurde deutlich: Die Aktionäre stehen hinter der BMW-Strategie der Technologie-Offenheit bei den Antriebskonzepten. Oliver Zipse will auch künftig den Kunden ein breites Antriebsangebot machen und sich nicht auf einen Endtermin von Verbrennungsmotoren festlegen (lassen).

Der Versuch des Schweizer Investmentfonds Inyova, die kalifornische Mobilitätsforscherin Susan Shaheen im Aufsichtsrat zu platzieren, scheiterte. Der Vertreter von Inyova hatte BMW „hilfloses Verharren bei Verbrennern“ vorgeworfen und kritisiert, dass BMW die Klimakrise unterschätze und sich ganz auf Batterie-Mobilität fokussieren müsste.

Vorstandschef Oliver Zipse konnte dieser Kritik bemerkenswerte Erfolge entgegen setzen und die erfolgreiche Sinnhaftigkeit der BMW-Strategie deutlich machen. Zipse sagte:

„1. 2021 haben wir erneut die CO2-Vorgaben in der EU übererfüllt. Und um rund 10 g/km unterschritten.

2. Unser Weg zu „Net Zero“ hat klare Etappenziele bis 2030. Der Ansatz, der zugrunde liegt, ist wissenschaftlich untermauert und transparent. Dazu sind wir der „Business Ambition for 1.5 degrees“ der „Science Based Targets Initiative“ beigetreten. Als erster deutscher Automobilhersteller. Und wir beziehen die gesamte Wertschöpfungskette mit ein.“

BMW-Vorstandsvorsitzender Oliver Zipse

Während der Kritiker des Kurses von Inyova, Andreas von Angerer, in einem Video (die Hauptversammlung wurde virtuell abgehalten) nur Mutmaßungen für künftige Entwicklungen vortragen konnte, wusste der BMW-Chef Bestwerte als erreichte Fakten vorzutragen:

„Ein Konzernergebnis vor Steuern von über 16 Milliarden Euro. Darin enthalten sind rund eine Milliarde Euro aus der Rückstellung für das Kartellrechtsverfahren der EU-Kommission. Es ist abgeschlossen. Wir konnten die Rückstellung anteilig auflösen.

  •  Die EBIT-Marge im Segment Automobile: 10,3 Prozent. Das ist der obere Rand unseres Zielkorridors.
  •  Auch die Segmente Motorräder und Financial Services sind gewachsen.
  •  Die Marke BMW führt das weltweite Premiumsegment wieder an.
  •  Der Anteil am Weltmarkt gilt ebenfalls als eine harte Währung in unserer Branche. Wir haben ihn erhöht. Trotz Corona-Pandemie. Auf 3,4 Prozent.“

Zipse streifte in seiner Rede alle aktuellen Themen rund um den Globus. In Russland habe BMW die Auftragsfertigung und die Auslieferung dorthin gestoppt. An UNICEF eine Million Euro für kriegsgeschädigte Kinder gespendet, Lieferengpässe bei Komponenten aus der Ukraine kompensieren müssen, gleichzeitig die Produktion von Kabelbäumen aus der Ukraine unterstützt, um Lieferanten vor Ort eine Perspektive zu erhalten.

„Jede Antriebsart trägt zur CO2-Reduzierung bei“

Die Corona-Situation in China habe dort zu großen Herausforderungen geführt. Zipse machte in seiner Rede deutlich, dass die großen Weltregionen Amerika, Europa, Asien und die dort existierenden Märkte unterschiedliche Bedingungen haben. Und unterschiedliche Kundenwünsche haben. Damit wurde deutlich, dass die Frage eines Aktionärs nach einem Endtermin für Verbrenner von Zipse nicht beantwortet werden kann. Allerdings legt sich der BMW-Boss fest: „Für das Jahr 2022 hoch profitabel zu sein, bleibt unser Ziel. Und unsere Pflicht. Ihnen gegenüber – sowie allen Stakeholdern, die zu unserem Erfolg beitragen. Ohne die Ereignisse in der Ukraine hätten wir uns eine EBIT-Marge im Segment Automobile von 8 bis 10 Prozent vorgenommen. Das bleibt unser strategischer Zielkorridor. Für 2022 streben wir nun 7 bis 9 Prozent an.“

Auch BMW geht von einer technologischen Transformation aus. Das Ziel sei es, „zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Produkte und Technologien am Markt zu haben. Dazu gehöre auch technologische Vielfalt. „Der BMW Weg ist nicht Mainstream.“ Jede Antriebsart trage zur CO2-Reduzierung bei. „Bevor wir einzelne Technologien frühzeitig abschalten, sollten wir die neuen erst ausreichend absichern. Wir entwickeln alle Technologien weiter. Davon profitieren Klimaschutz wie Kunden. Substanziell. Jetzt. Und in den nächsten Jahrzehnten. Denn: Die Märkte „ticken“ auch künftig nicht identisch. Die Ladeinfrastruktur ist unterschiedlich ausgebaut. Die Kunden haben regional verschiedene Bedürfnisse.

Auch die Lieferketten müssen nachhaltig sein

Der gerade vorgestellte 7er sei mit vier Antriebsarten ein Beispiel dafür. Die hier verbauten Verbrenner seien bereits auf Euro 7 ausgelegt. Mit dem batterieelektrischen i7 sollen Ende des Jahres zehn Prozent der Auslieferungen vollelektrisch sein. Spätestens 2030 sollen 50 Prozent der Auslieferungen vollelektrisch sein. Im Herbst soll eine Kleinserie als IX5 Hydrogen mit Brennstoffzelle erscheinen. Aber schließlich gelte es auch, die Lieferketten nachhaltig zu organisieren.

Zipse kündigte eine neue Klasse an, die ganz auf E-Mobilität ausgerichtet sein soll. Dabei soll das Werk in Ungarn vollständig auf fossile Energieträger verzichten. Auch auf Erdgas. Der Strom soll dabei regenerativ auf dem Werksgelände produziert werden.

Der optimistische Auftritt von Oliver Zipse klang nicht nach Fantasie. Angesichts der BMW-Entwicklung der letzten Jahre kann BMW tatsächlich behaupten: „Wir haben die richtige Balance aus Disruption und Stabilität. Wir begreifen Transformation als Chance. Jedes Jahr ist für uns der nächste konsequente Schritt – auf unserem BMW Weg in die Zukunft.“


Die BMW-Strategie der Technologie-Vielfalt im Fokus der Kritik

„Autopapst“ Ferdinand Dudenhöffer feuert auf allen Kanälen gegen BMW. Sowohl gegen den neuen Siebener als auch gegen die grundsätzliche BMW-Strategie der Technologie-Offenheit. Dabei widerspricht er sich selbst und will die Autokäufer quasi entmündigen.

Genau das will BMW nicht und setzt weltweit sowohl auf Verbrenner und Elektromobilität. Der Direktor des CAR-Centers Automotive Research in Duisburg führt sogar Steve Jobs als Beweis ins Feld, der beim iPhone konsequent auf das tastenfreie Mobilgerät gesetzt hat und nicht zweigleisig auch noch mit einem Mobiltelefon mit Tasten auf den Markt gekommen ist. Selten hat ein Vergleich dermaßen gehinkt wie in diesem Fall. Dass BMW zur Bedienung Touchscreen und einige wenige Tasten/Schalter beibehalten hat, ist nicht der eigenen Unsicherheit und Orientierungslosigkeit, sondern den Kundenwünschen geschuldet. Wie die Marktforschung nicht nur bei BMW ergeben hat, sind die Kunden sowohl touch-affin als auch konservativ orientiert. So wollen sie z.B. am Drehknopf für Laut und Leise festhalten und kritisieren virtuelle Schieberegler wie bei Volkswagen.

Dudenhöffer spricht von Gewichtsvorteil beim Elektroauto

Ferdinand Dudenhöffer liegt völlig daneben, wenn er in einem Gastbeitrag für „Horizont“ über den neuen 7er und die Strategie schreibt: „…weder Fisch noch Fleisch, alles für jeden, also Diesel, Plug-in, Benziner in den USA oder China und ein bisschen auch mit Stecker, also vollelektrisch. Das Flaggschiff kommt als Kompromiss daher….Damit kann es nicht die Vorteile der sogenannten Skateboard-Plattformen bieten wie etwa die kompaktere Raumausnutzung und das bessere Gewicht….“ Wie bitte? Besseres Gewicht? Wenn in einem Batterie-Auto immer ein paar hundert Kilogramm Batterien mitgeschleppt werden müssen, ist das sicher kein Gewichts-Vorteil.

Kommt eine autokritische Mobilitätsprofessorin aus Kalifornien in den BMW-Aufsichtsrat?

„Wer im Markengeschäft erfolgreich sein will, braucht eine glasklare Positionierung“, schreibt der Auto-Papst. Da hat er recht. Genau diese glasklare Positionierung der „Freude am Fahren“ hat BMW beibehalten. Sie hängt doch nicht an der von Dudenhöffer vorgegebenen technischen Eindimensionalität ab. Und dann versteigt er sich auch noch in die moralische Metaebene: „Wir sollten nicht die Verkäufer glücklich machen, sondern den Käufer in den Mittelpunkt stellen. Und das bedeutet auch, seinen Werten die höchste Bedeutung beizumessen.“ Wie Dudenhöffer den Kunden in aller Welt seine Werte zu oktroyieren sich anmaßt, ist alles andere als Kundenorientierung. Den Käufer in den Mittelpunkt zu stellen, ist genau das Ziel von BMW. Dudenhöffer will aber grüne Politik und Planwirtschaft in den Mittelpunkt stellen. Und das ist die Entmündigung des Kunden. Und weiter behauptet der Auto-Professor: „Unsere gesellschaftlichen Werte liegen abseits von Diesel-Emissionen.“ Mit dem Terminus „unsere“ maßt er sich an, seine Meinung weiten Teilen der Gesellschaft aufdrängen zu können. Dass sich immer noch gut 25 Prozent der Autokäufer für einen Diesel und über 80 Prozent für einen Verbrenner entscheiden, blendet der „Autoexperte“ dabei aus.

2021 waren 16 Prozent der Neuzulassungen in Deutschland Batterieautos

Dudenhöffer hält natürlich jeden Verbrenner für verdammenswert, ohne sich zu fragen, warum Elektroautos nicht bereits 100 Prozent der Autokäufe ausmachen, die laut Kraftfahrtbundesamt trotz dicker Subventionen in 2021 gerade mal 16 Prozent der Neuwagenkäufe in Deutschland ausmachen. Fest steht trotz Zulassungsanstieg: Noch ist ein Durchbruch des Batterieautos nicht erkennbar, auch wenn die Politik und manche Medien dies gerne suggerieren, die allzu oft von einem „E-Boom“ schwadronieren.

Der Druck auf BMW, sich ganz der Batteriemobilität zu verschreiben, steigt auch in anderen Bereichen. Von den üblichen Gegnern individueller Mobilität mal abgesehen versucht ein Investor, auf der nächsten Hauptversammlung am 11.05.2022 die kalifornische Mobilitätsprofessorin Susan Shaheen im BMW-Aufsichtsrat zu installieren. Sie plädiert im fernen Berkeley seit langem dafür, die Autos weltweit auf Elektroantrieb umzustellen. Und auch BMW solle dies tun und von der Technologie-Vielfalt Abstand nehmen.


Renault-Chef Luca de Meo ist überzeugt: „2030 werden 90 Prozent der Autos weltweit einen Verbrennungsmotor haben“

Der Chef der Renault-Gruppe rechnet damit, dass 2030 weltweit rund 90 Prozent der Fahrzeuge einen Verbrennungsmotor haben werden. Diese überraschende Ansage machte der Chef der Renault-Gruppe auf dem Wiener Motorensymposium und dürfte damit jene Fraktion überrascht haben, die allein im Elektroauto die Zukunft sieht. Der Renault-Chef ist überzeugt, dass auch der Diesel-Motor über 2030 hinaus eine Zukunft haben werde.

De Meo nannte dafür drei wichtige Punkte: Kundennutzen, Öko-Fußabdruck und Bezahlbarkeit . Der Öko-Fußabdruck eines E-Autos sei zudem wegen des Strommixes in vielen Regionen, auch in Deutschland, höher als der eines sparsamen Hybridautos. Und schließlich müssten E-Autos auch bezahlbar sein, um gekauft zu werden. Doch die steigenden Rohstoffpreise verteuerten E-Autos weiter. Die Kunden würden deshalb ihre bisherigen Autos länger behalten.

Deshalb müssten beim Übergang zur CO2-Neutralität dringend Lösungen auch für Bestandsfahrzeuge gefunden werden.  De Meo forderte dafür eine bessere Zusammenarbeit zwischen Autoindustrie, Energiewirtschaft, Gesetzgeber und Forschungseinrichtungen. Einen wichtigen Beitrag zur CO2-Reduktion können seiner Meinung nach alternative Kraftstoffe leisten. Der Gesetzgeber müsste weg vom Ansatz, nur den CO2-Ausstoß vom Tank bis zum Rad zu berücksichtigen und stattdessen den CO2-Fußabdruck über das gesamte Fahrzeugleben  betrachten, wie es Renault mache. Um die Kosten der Transformation nicht ausufern zu lassen, will Renault Modell- und Motorenvielfalt deutlich senken.


Wiederbelebungsversuch

Ein chinesischer Hersteller glaubt, die wirtschaftlich gescheiterte Automarke Smart endlich auf Erfolgskurs bringen zu können.

Von Harald Kaiser

Es war einmal. Aus unserem kollektiven Gedächtnis ist sie weitgehend gestrichen. Fast so, als hätte es sie nie gegeben. Dabei war das Tamtam um das Produkt ab 1998 eine zeitlang enorm. Es geht um die Automarke Smart, die jetzt eine radikale Kehrtwende in der Hoffnung vollzieht, demnächst Gewinne erzielen zu können. Vor beinahe 25 Jahren gab es jede Menge Getöse, um die Wägelchen und deren so genannte Produktwelt ins Bewusstsein der vorwiegend jungen und umweltbewussten Zielgruppe zu hämmern.

Etwa die schlanken, markanten und mittelhohen Glastürme, in denen die Miniflitzer einst öffentlichkeitswirksam präsentiert wurden. Gibt’s die noch? Längst verkauft, zweckentfremdet oder abgerissen. Was blieb vom Anspruch, eine neue Mobilität zu schaffen? Bloße Erinnerung. Und wurde das Ziel erreicht, ein Automobil für die City zu bauen, das zum „Must-have“ der Yuppies wird, weltweit einen Trend auslöst, Milliardengewinne erzeugt und in jede noch so kleine Parklücke passt, selbst quer? War auch nur ein (Alb)Traum, aus dem über die Jahre einige Daimler-Vorstände verschwitzt und ernüchtert aufgewacht sind, obwohl die ultrakompakten Knutschkugeln nach wie vor zum Straßenbild zählen. Auf Schwäbisch ausgedrückt war das Unternehmen Smart „ein Nullinger“, mithin ein Versuch, der – wieder auf schwäbisch – „granatenmäßig“ in die Hose gegangen ist.

Gab’s wenigstens Mini-Erfolge? Nie waren die auch nur ansatzweise in Sichtweite. Die eigens im französisch-deutschen Grenzort Hambach gebaute Fabrik „Smartville“ für den Straßenfloh mit lediglich 2,50 Metern Länge gehört inzwischen dem noch jungen englischen Geländewagenhersteller Ineos, der dort neben seinem Offroader Grenadier auch die automobile Kurzware als Elektro-Variante bauen lässt. Noch. Denn wie lange das Abenteuer andauernd wird, können mutmaßlich selbst Experten nicht abschätzen. Geschäftlicher Segen jedenfalls hat auf dem Autochen nie gelegen. Schon der Start des Schrumpf-Mercedes wurde wegen seines eigenwilligen Äußeren gleich von mehreren Spottnamen unfreundlich begleitet: Man nannte ihn „Bonsai-Benz“, „Elefantenrollschuh“, „Hartschalenkoffer“ (wegen der Plastikbeplankung), „Gehhilfe“ oder auch „Randstein-Tamagotchi“.

Der einst von Swatch-Uhr-Erfinder Nicolas Hayek unter dem Eindruck von Ölkrise und zugeparkten Innenstädten erfundene und von Mercedes-Designer Johan Tomforde in Form gebrachte kleine Gernegroß sollte die mobile Welt mit geringen Abmessungen, mit kaum verschwendeten öffentlichen Parkraum, mit wenig PS und geringem Durst neu sortieren. Das Ergebnis kommt einer systematischen Geldverbrennung gleich: Nach Expertenschätzung kostete das Smart-Abenteuer Daimler einschließlich aller Investitionen in alter Währung neun Milliarden Mark und jede Menge Managerköpfe — obwohl nach Angaben von Designer Tomforde gut 2,5 Millionen Smarts verkauft worden sein sollen.

Aber aufgeben will Daimler deswegen nicht. Jedenfalls nicht ganz, obwohl sich die Stuttgarter inzwischen weitgehend von der ehedem hoffnungsvollen Marke getrennt haben. Die vermeintlichen „Cleverles“ aus der Mercedes-Hochburg, die auch schon mal die „Hochzeit im Himmel“ mit Chrysler und Mitsubishi milliardenmäßig versemmelt haben, schufen jüngst für den Smart ein neues gemeinsames Bett mit dem chinesischen Hersteller Geely. „Joint Venture“ heißt solch ein Firmengebilde im üblichen Wirtschafts-Denglisch. Aus Fernost soll ab Herbst 2022 fortan als erstes Modell der neue Smart anrollen – kein kurzer Cityflitzer mehr, sondern ausgerechnet ein deutlich größerer viertüriger SUV mit Elektroantrieb für vier bis fünf Personen. Daimler liefert nur noch das Design zu – und dürfte gottfroh sein, diesen Mühlstein am Hals größtenteils nicht mehr allein schleppen zu müssen. Denn nun sind die Edel-Karrossiers nur noch Mitgesellschafter der neu gegründeten „smart Automobile & Co. Ltd.“ an der Hangzhou Bay vor Shanghai. Sieht man davon ab, dass der künftige Smart einen Elektroantrieb im Leib trägt, hat sich das Gesamtkonzept des Chinesenautos weit entfernt von der einst gepredigten „neuen Mobilität“.

Finanziell sowieso, aber auch vom Image her eine ziemlich bittere Entwicklung, denn der Anspruch war mal ein ganz anderer. Wir erinnern uns. Die stets sehr bemühten Presseleute von Smart jubelten zum 20jährigen Bestehen der Marke 2018, dass man an eine tolle Erfolgsgeschichte der automobilen Neuzeit glauben konnte. Originalton aus der Pressemappe von damals mit der Überschrift „Eine Idee setzt sich durch: „Am 2. Juli 1998 läuft der erste smart fortwo vom Fließband in Hambach. Am 3. Oktober 1998 startet die Markteinführung. Auf der IAA überrascht die junge Marke 1999 die Weltöffentlichkeit gleich mit einer Reihe neuer Modellstudien. Auf Grundlage des smart city coupé wird eine Cabrio-Version präsentiert, die der „geschlossenen“ Kleinstwagengesellschaft eine neue Dimension öffnet – das Dach. Das smart cabrio bietet Lebensfreude pur. Ab Frühjahr 2000 rollen die kleinsten Seriencabrios der Welt auf den europäischen Straßen.“

Und weiter im selbstgefälligen Blabla: „Während die Diskussion um die Einführung des Drei-Liter-Autos am Anfang des neuen Jahrtausends die Welt bewegt, lanciert smart kurz nach der Präsentation auf der IAA Ende 1999 bereits den cdi-Motor mit einem Verbrauch von 3,4 Litern auf 100 Kilometer. Die sparsamste Art der automobilen Fortbewegung ist erfolgreich geboren. Bis zur Einführung des Nachfolgers 2007 werden über 140.000 smart cdi verkauft … Ein besonders intensives und sportliches Fahrerlebnis bieten der smart roadster und das smart roadster coupé, die im April 2003 auf den Markt kommen. Mit diesen beiden Fahrzeugen knüpft smart an die Tradition der kompakten und puristischen Roadster an, die eine Blütezeit in den 1950er- und 1960er-Jahren hatten….“

Soweit das PR-Geklingel bei dem natürlich geflissentlich verschwiegen wird, dass der Kooperation mit Mitsubishi (Anfang 2000/Colt-Plattform) wie auch der relativ jungen Liaison mit Renault (ab 2013/Twingo-Plattform) nur wenig Erfolg beschieden war. Also: Trennung. Nur ungern erinnert werden die verantwortlichen Herrschaften auch daran, dass teils peinliche Technikpannen in den vermeintlich tollen Jahren immer wieder für mächtig Ärger und Schlagzeilen sorgten. Etwa, weil der Wagen mehr zum Hoppeln als zum angenehmen Rollen neigte, was vor allem am kurzen Fahrwerk lag. So manchen Fahrer hat böiger Seitenwind von der Piste geblasen. Auch die Hecklastigkeit war ein Problem, wodurch das Auto schon mal  auf schneebedeckter Fahrbahn Rückwärts-Pirouetten hinlegte. Oder mitunter führte das halbautomatische Getriebe ein merkwürdiges Eigenleben mit mißglückter Suche nach dem richtigen Gang für die aktuelle Fahrsituation.

Und dann geriet der Smart auch noch in den unangenehmen Skandalsog des Elchtest-Debakels seines größeren Bruders A-Klasse. Wie diese musste auch die Produktion des Smart vorübergehend eingestellt werden, weil er immer wieder mal von der Straße kugelte. Um den Kleinen besser für kritische Fahrzustände zu wappnen, wurde eine abgespeckt Version des segensreichen Elektronischen-Stabilitäts-Programms ESP mit dem vielversprechenden Namen „Trust“ (Vertrauen) eingebaut. Die Blamage folgte rasch. Die Billigversion hielt nicht, was sie versprach, schon gar nicht erzeugte sie Vertrauen bei den Fahrern und Fahrerinnen, so dass am Ende doch das teure Original zum Zuge kam, weil ohne das kritische Fahrwerk nicht zu bändigen war. So wurde im Laufe der Jahre die eigentlich vorzügliche Idee eines ökologisch wie ökonomisch sinnvollen kleinen Stadtflitzers für zwei Leute mit Mini-Kofferraum immer mehr verbeult.

2019 schließlich, nach 21 Produktionsjahren, kam es zum großen Showdown des aus der politischen Mode geratenen Verbrennungsmotors im Smart: Weil es fortan nur noch den elektronischen Antrieb geben wird, ließen die Bosse von dem Münchener Industriedesigner Konstantin Grcic analog zum Alter genau 21 „zeitgenössische Kunstwerke für die Straße“ schaffen, die nur an Sammler verkauft wurden. Grcic durfte dazu in die Wortklampfe greifen und zu seinem Werk geschwollen formulieren: „…Frei sein, Grenzen überschreiten, ausbrechen, eben auch die kleine Rebellion, die man nach außen trägt. Diesen Kerngedanken lassen wir mit der Final Collectors Edition Wirklichkeit werden, schließlich verabschieden wir auch ein Stück Automobilgeschichte.

Wer nun glaubt, angesichts des Milliardengrabs Smart würden sich die neuen Besitzer verbal in Zurückhaltung üben, der irrt. Tong Xiangbei, CEO von Smart Automobile, schmiss während der Präsentation des chinesisch-deutschen Smart-SUV unlängst in Berlin gleich die Phrasen-Maschine an, als er sagte: „Die Weltpremiere des Smart #1… ist ein Meilenstein der unglaublichen Entwicklungsphase, in der wir uns seit der Markenerneuerung befinden. Als Erster einer neuen Generation an vollelektrischen Smart-SUVs ist der brandneue Smart #1 die perfekte Verkörperung dieser Innovation.“

Wieder muss es beim Marketinggeblubber gleich ein „Meilenstein“ oder die „perfekte Verkörperung“ von irgendwas sein. Weniger Dampfgeplauder oder einfach verbale Zurückhaltung ist offenbar undenkbar. Wie so oft in der Wirtschaftsgeschichte bleibt auch in dem Fall das Resümee: Nichts gelernt aus der Vergangenheit. Marktstart des Neuen (Spitze 180 km/h, Reichweite bis 440 Kilometer) dürfte im vierten Quartal 2022 sein.


Auto motor und Sport-Chefredakteurin kritisiert die BMW-Strategie als „zynisch“

„Wie kann man einem Auto eine solche Anmutung verschaffen“, kritisiert die Auto Motor und Sport-Chefin Birgit Priemer. Man muss den neuen Siebener nicht schön finden, aber was die Chefredakteurin sonst noch dazu schreibt, wird viele Leser der „Bibel“ des Vollgas-Genres überraschen. Schon länger outet sich die Journalistin als für den Job ziemlich grüne Protagonistin einer autounfreundlichen Betrachtung. Einer Betrachtung, die nicht nur Verbrenner zu verachten scheint, sondern immer wieder gesellschaftliche Entwicklungen als falsch kritisiert und dem von Links-Grün geforderten „Transformationsprozess“ das Wort redet. Sicher nicht die Aufgabe einer Autozeitschrift.

Sie sei angesichts des 7er sprachlos: „Ein Auto, das auf den ersten Blick so wirkt, als wolle es alles von der Straße wegfegen, was sich ihm in den Weg stellt. Aufgeblasene, völlig überdimensionierte Nieren, die nicht nur Kindern Angst einflößen dürften, sondern auch schwächeren Verkehrsteilnehmern, die in Kleinwagen oder auf dem Fahrrad und Motorrad sitzen.“ Das kann man so sehen, muss es aber nicht.

Über Geschmack lässt sich streiten. Niemand muss den 7er als Statement ästhetischer Moderne wahrnehmen. Aber die BMW-Strategie zu kritisieren, auf die Wünsche unterschiedlicher Märkte einzugehen, ist sehr überheblich. Überall erfolgreich sein zu wollen ist legitim. „ams“ würde sofort kritisieren, wenn BMW von der Erfolgsspur abkäme.

Das Pariser Klimaabkommen hat nichts mit dem neuen Siebener zu tun

Das Argument, auf Marktwünsche der Länder zu reagieren, lässt Frau Primer nicht gelten: „…mit dieser Argumentation stellt sich für mich die Frage, ob denn wirklich der Klimaschutz an der Grenze aufhört. Und ob eine Marke nicht weltweit an ihrem Image arbeiten muss, wenn sie weltweit agieren will?“ Die Autorin geht davon aus, dass grüne Symbolpolitik weltweit anerkannt oder gar gefordert ist, um ein gutes Image zu haben. Das ist eine sehr enge Weltsicht. Frau Priemer fragt: „Warum dann auch das imageträchtige Bekenntnis zu den Zielen des Pariser Klimaabkommens?“ Die Journalistin übersieht dabei, dass viele Länder, so auch China, sich zwar ebenso zu Paris bekennen, das Abkommen ihnen aber bis 2030 unbeschränkten Zuwachs beim CO2-Ausstoß zugesteht.“ Wenn BMW in China V8-Siebener verkauft, dann geht das also auch in Anbetracht des Pariser Abkommens absolut in Ordnung.

„Entwürfe wie der neue Siebener passen nicht mehr in eine Zeit, in der es darum geht, Energie zu sparen und sorgfältiger mit Rohstoffen umzugehen.“ Und weiter polemisiert die Dame: „Ich finde das zynisch gegenüber allen Menschen auf dieser Welt, die ihren Teil zum Transformationsprozess genauso beitragen wollen wie zur Bewältigung einer drohenden Energiekrise.“

Wenn das zynisch ist, dann ist es auch zynisch, wenn ams weiterhin Supersportwagen testet, die mehr CO2ausstoßen als jeder Siebener. Wäre ams konsequent und ehrlich, dürften überhaupt keine Verbrenner mehr getestet werden, weil sie den „Transformationsprozess“ sicher nicht beschleunigen. Auch „ams“ entspricht ja damit den Wünschen ihrer Leser, also dem Mark, die ganze Bandbreite der Angebote zu präsentieren. „ams“ macht also das, was auch BMW macht: den Wünschen der Kunden zu entsprechen.

Ob die autokritische Strategie von „ams“ bei den Lesern ankommt, wird sich zeigen.


Der Meister der Sprücheklopfer

Was Tesla-Chef Elon Musk so alles twittert. Eine interessante und aufschlussreiche Analyse der letzten Jahre.

Von Harald Kaiser

Seine Worte haben Gewicht. Wenn Elon Musk in die Tasten greift und eine Botschaft twittert, dann schmelzen die meisten seiner mehr als 80 Millionen Follower dahin. Den Eindruck kann man jedenfalls haben. Diese Masse ist in etwa so viel, wie Deutschland Einwohner hat. Damit besitzt der Tesla-Chef einen der reichweitenstärksten Accounts des Kurznachrichtendienstes. Über diesen Kanal macht er nicht nur Stimmung, seine Tweets können auch millionenschwere Auswirkungen erzeugen.

Etwa wenn er den Wert von Kryptowährungen in die Höhe schnellen lässt oder den seines eigenen Unternehmens Tesla in den Keller schickt. Daraufhin warf ihm die US-Börsenaufsicht SEC Kursmanipulation vor und zwang ihn, seinen Posten als Verwaltungsratschef von Tesla abzugeben. Seit April 2022 ist Musk mit 9,2 Prozent sogar größter Anteilseigner von Twitter. Unlängst hat er sogar verkündet, Twitter für 41 Milliarden US-Dollar komplett übernehmen zu wollen.

Um zu verstehen, wie der Exzentriker und geschickte Menschenfänger tickt hat das US-Onlinemagazin Visual Capitalist* Musks Tweets der letzten zehn Jahre auf die Frage hin ausgewertet, worüber der von vielen Medien distanzlos zum neuen Autogott hochgejazzte Musk am liebsten schreibt. Tesla und Elektromobilität, SpaceX und die Raumfahrt sind zentrale Themen. Politik spielt eine geringere Rolle, dafür werden Kryptowährungen und die Forschung zur Künstlichen Intelligenz (KI) immer wichtiger. Der deutlichste Trend ist aber: Seit 2017 twittert Elon Musk immer mehr, immer unkontrollierter und mit immer größeren Folgen. Eine Chronologie der letzten Jahre macht das deutlich.

Die Redakteure des Online-Magazins haben seinen gesamten Twitter-Feed durchforstet und 15.000 Tweets zu einem umfassenden Datensatz zusammengestellt. Warum das Ganze? Antwort: Die Follower interessieren sich dafür, was er zu sagen hat. Selbst 08/15-Antworten an normale Twitter-Nutzer erhalten Tausende von Shares, Likes und Kommentaren. Es komme sogar oft vor, dass er mehr als 30 Tweets an einem einzigen Tag absetzt. Und seine Twitter-Einlassungen decken ein breites Themenspektrum ab, von ernsthaften Gesprächen über technische Aspekte seiner Produkte bis hin zu harmlosem Geblubber. Man fragt sich: Hat der Chef eines riesigen Konzerns mit inzwischen mehr als 100.000 Mitarbeitern nichts anderes zu tun? Es gab auch Fälschungen von angeblichen Musk-Tweets. Der erste echte stammt von 2010. Zuvor gab ein Unbekannter vor, Musk zu sein, und benutzte dazu den Twitter-Account @elonmusk. Am häufigsten twittert der echte Musk über Tesla und seine Raumfahrtfirma SpaceX. Es gibt aber auch eine Menge Verrücktheiten, die er twittert — und sich dabei vermutlich mordsmäßig amüsiert. Hier Beispiele:

Dezember 2017: Ankündigung aus Spaß oder Langeweile, dass (seine) Boring Company einen Flammenwerfer in limitierter Auflage auf den Markt bringen will. Vorausgesetzt, es werden 50.000 Baseballkappen mit der Aufschrift „Boring“ (Langeweile) verkauft. Das klappte, so dass Musk 20.000 Flammenwerfer herstellen ließ und auch alle für je 500 Dollar verkaufen konnte.

Februar 2018: Er teilt mit, dass ein Tesla Roadster an der Spitze einer SpaceX-Rakete aus Jux und Dollerei auf dem Weg ins All ist. Seither flitzt, kreist oder taumelt das Automobil irgendwo durchs galaktische Nichts.

Juli 2018: Als 12 Jungen und ihr Lehrer in einer Höhle in Thailand von Wasser eingeschlossen werden, bietet Musk technische Hilfe für deren Rettung an. Als die dankend abgelehnt wird, versteigt sich der beleidigte Musk zu einem peinlichen – inzwischen gelöschten – Tweet, in dem er einen britischen Höhlentaucher als Pädophilen bezeichnet.

August 2018: Musk gibt auf Twitter bekannt, dass er erwägt, Tesla für 420 Dollar pro Aktie zu privatisieren. Der Aktienkurs von Tesla steigt daraufhin von 340 auf zeitweise bis zu 390 US-Dollar an. Dabei ist davon auszugehen, dass Musk die Privatisierung offenbar als Scherz gemeint hat, denn 420 ist für Eingeweihte ein Code für Cannabis. Die US-Börsenaufsicht SEC fand die Aktion gar nicht lustig und Musk musste persönlich 20 Millionen Dollar an den Staat zahlen, Tesla als Firma noch einmal genauso viel. Von besonderem Interesse bei dem Vorgang ist die Zahl 420. Laut des Marihuana-Enthusiasten-Magazins „High Times“ wurde der Begriff „420“ 1971 von einer Gruppe von Schülern namens „Waldos“ an der San Rafael High School in Kalifornien geprägt. Der Begriff bezeichnet die Zeit (16:20 Uhr), an dem die Gruppe  angeblich jeden Nachmittag zum Marihuanarauchen verabredet war.

September 2018: Musk erscheint in einer Podcast-TV-Sendung und raucht Gras mit mit dem Moderator. Das Spektakel sorgt für Kopfschütteln.

März 2020: Seiner Meinung nach ist „die Coronavirus-Panik dumm.“ Seitdem äußert er lautstark sein Misstrauen gegenüber Antigentests und hat keine Angst, seine Frustrationen über Lockdowns mit seinen Anhängern zu teilen. Er sagte auch, dass das Virus nicht so tödlich sei und dass die Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19 überhöht seien, weil Ärzte Todesfälle fälschlicherweise dem Virus und nicht anderen Ursachen zuschrieben.

Januar 2021: Er fügte „#bitcoin“ zu seiner Twitter-Profilseite hinzu, was auf eine Strategie hindeutete. Wenige Tage danach gab Musk bekannt, dass Tesla Bitcoin im Wert von 1,5 Milliarden US-Dollar erworben hat, mit der Absicht, es als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Die Nachricht ließ den Preis von Bitcoin um 17 Prozent auf 44.000 Dollar steigen, damals ein Rekordhoch. Bitcoin blieb das ganze Jahr über im Rampenlicht, da die Kryptowährung weiterhin Unterstützung von großen Finanzinstituten erhielt. Einige Tage vor dem Coup hat Musk das Spekulationsfeuer um die GameStop-Aktie angeheizt. Der Wert stieg um mehr als 150 Prozent. Anschließend fragte er die Twitter-Benutzer, ob er zehn Prozent seiner Tesla-Aktien verkaufen sollte, um Steuern zu zahlen. Die Mehrheit der Twitter-Nutzer stimmte mit Ja. Der Milliardär tat es tatsächlich und verkaufte Tesla-Aktien im Wert von mehr als 16 Milliarden US-Dollar.
März 2022: Musk rät Politikern, die Atomkraft wieder zu beleben. Bereits Ende 2021 erklärte er, ebenfalls

auf Twitter, wenn Atomkraftwerke nicht von Naturkatastrophen bedroht seien, solle man sie laufen lassen. Jetzt ging Musk noch weiter: Mittlerweile sei es „hoffentlich extrem offensichtlich, dass in Europa ruhende Kernkraftwerke neu gestartet und die Stromerzeugung in bestehenden erhöht werden sollte, schrieb er. Das sei entscheidend für nationale und internationale Sicherheit. Und im Übrigen sei auch das von vielen gefürchtete Strahlenrisiko gar nicht so hoch. Zum letzten Punkt bot der Tesla-CEO natürlich keine wissenschaftlichen Daten an, sondern lediglich persönliche Erfahrungen. Kurz nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima sei er dort gewesen und habe Lebensmittel aus der Region gegessen, schrieb er. „Das Strahlungsrisiko ist viel, viel geringer, als die meisten Menschen glauben, lautet seine Erkenntnis.

14. März 2022: Seine Twitter-Verrückheiten hat Musk auf die vorläufige Spitze getrieben, als er Wladimir Putin über den Onlinekanal zum Zweikampf aufforderte. Der Sinn dahinter: Er wollte auf diese Weise dafür sorgen, dass der Krieg in der Ukraine beendet wird. Musk schrieb an Putin: „Sind Sie mit diesem Kampf einverstanden?“ Verwunderte Twitter-Nutzer fragten, ob Musk das durchdacht habe, woraufhin dieser mitteilte, dass es ihm absolut ernst sei. Elon Musk ist 1,84 Meter groß, Putin 1,69 Meter. Zudem sei er 19 Jahre jünger. Ferner sagte Musk, dass er als Kind Kyokushin-Karate, Taekwondo, Judo und Jiu-Jitsu trainiert habe. Putin hat nach eigenen Angaben Boxen, Sambo (russischer Kampfsport) und Judo ausgeübt. In Judo wurde er Leningrader Stadtmeister und erhielt nach eigener Aussage mit etwa 18 Jahren den schwarzen Gürtel – wobei seit Jahren darüber spekuliert wird, ob Putin den schwarzen Gürtel tatsächlich über echte Kämpfe erworben hat oder ihm der Gürtel lediglich nur aus Gefälligkeit verleihe wurde. Mit seinem Tweet traf Elon Musk den Nerv der Twitter-Gemeinde – auch wenn etliche Kommentare die Erfolgsaussichten Elon Musks in einem Zweikampf mit dem Kreml-Chef anzweifelten: „Junge, er ist ein Ex-KGB-Agent, schau ihn dir an.“ Oder: „Ich hätte gern etwas von dem, was du dir eingeworfen hast“ sind nur einige der schmunzelnden Reaktionen auf Elon Musks Tweet.

Klar, dass Putin nicht reagiert hat. Statt des „lupenreinen Demokraten“ (Ex-Kanzler Gerhard Schröder) hat Ramsan Kadyrow, Putin-treuer Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien reagiert. „Messen Sie sich nicht mit Wladimir Putin, sie spielen in zwei völlig unterschiedlichen Ligen“, riet Kadyrow Musk auf dem Web-Portal Telegram. Es würde unsportlich aussehen, wenn Putin „einen viel schwächeren Gegner verprügeln würde“, führte Kadyrow aus. Deshalb müsse Musk trainieren, um von der sanften „Elona“ zum brutalen Elon zu werden, den es für diesen Zweikampf brauche. Wenn er in eines der tschetschenischen Trainingszentren kommen würde – unter anderem einen Trainingsgelände für Spezialkräfte – würde aus Elona dann auch Elon werden. Musk antwortete prompt via Twitter: „Vielen Dank für das Angebot, aber solch ein hervorragendes Training würde mir einen zu großen Vorteil verschaffen. Wenn er (Putin) Angst hat zu kämpfen, werde ich zustimmen, nur meine linke Hand zu benutzen, und ich bin nicht einmal Linkshänder. Elona.“

16. April 2022: Musk twitterte, dass Tesla beim Autokauf künftig keine Ladekabel mehr beilegen wird. Wer dennoch ein Kabel möchte, muss dafür 200 Dollar extra berappen, obwohl die Preise für die Autos zuvor teils kräftig angehoben worden sind. Musks Begründung: „Die Nutzungsstatistiken waren extrem niedrig, was als Verschwendung empfunden wurde. Ein (kleiner) Pluspunkt ist, dass wir dem mobilen Steckerkit mehr Steckeradapter beilegen werden.“

18. April 2022: In einem Tweet teilt der Multimilliardär mit, dass er für den Fall einer gelungen Twitter- Übernahme der Geschäftsführung das komplette Gehalt streichen will. So ließen sich drei Millionen Dollar sparen. Er selbst hingegen sahnt ab. Angesichts eines Rekordergebnisses im ersten Quartal 2022 mit einem Gewinn von 3,3 Milliarden Dollar (+ 70 Prozent zu 1/2021) stehen ihm angeblich Aktienoptionen im Wert von 23 Milliarden Dollar zu, die sich aber mutmaßlich nicht nur auf das gerade abgelaufene Quartal beziehen werden. Der Herr bezieht kein Gehalt, sondern er lässt sich — abhängig von entsprechen positiven Geschäftszahlen — mit Tesla-Aktien entlohnen.


Der Polo ist auch als Kleinwagen ein Großer

Diesel-Fans müssen nicht traurig sein, weil es den neuen VW Polo nur noch als Benziner gibt. Denn der Kleine ist mit dem Otto-Motor-Dreizylinder fast ebenso sparsam wie der frühere Diesel, macht ebenso Spaß und muss kein zusätzliches AdBlue tanken. Der von uns getestete Polo hat uns in allen relevanten Kriterien der Abteilung Kleinwagen überzeugt. Nur beim Preis haben wir Vorbehalte: Ein Kleinwagen für fast 29.000 Euro sind schon ein Wort…

Allerdings müssen wir einräumen, dass die 29.000 Euro für den Testwagen eine Menge an Extras boten, auf die wir bis auf die extrovertierte Farbe „Vibrant Violet Metallic“ für 540 Euro nicht verzichten wollten. Unser Testwagen, ein VW Polo Style 1.0 TSI mit 95 PS und handgeschalteten fünf Gängen, macht nicht nur Spaß, sondern zeigt auch den hohen Entwicklungsstand turbogeladener Otto-Dreizylinder: Komfortabel leise, vibrationsarm wie ein guter Vierzylinder, ausreichend temperamentvoll und mit von uns gemessenen rund 5,2 Litern Verbrauch auf 100 Kilometern an der Grenze zur Genügsamkeit eines Diesels angesiedelt. Und wer auf Extras verzichten will, kann den Basis-Polo als „Fresh“ schon ab rund 16.000 Euro bestellen. Die Serienausstattung ist auch in dieser Version beachtlich.

Kleinwagen-Design at it´s best

Zur Historie: Dass der Polo am Anfang nur ein kaum veränderter Audi 50 war, hat 1975 keinen Kunden gestört. Während der Audi 50 auf dem Markt nie so richtig in Schwung kam, ging´s für den Polo auf der Zulassungsstatistik nur bergauf. Bis heute rollen rund 18 Millionen Polos auf den Straßen der Welt. Der Polo gehört ohne Zweifel zu den begehrtesten Modellen aus Wolfsburg. Mittlerweile ist er – gemessen an der ersten Generation – zum vollwertigen Auto gereift. Und er ist mittlerweile so groß wie ein Golf II. Der Polo hat das Attribut „Kleinwagen“ eigentlich längst abgelegt. Auch in Bezug auf das technologische Angebot bietet er Details, die bislang nur weit oben in der automobilen Nahrungskette zu haben waren.

Die Motorleistung des 1-Liter-Dreizylinders reicht aus, im Verkehr bis zu 190 km/h zügig mit zu schwimmen

Das Fahren im Polo ist jederzeit komfortabel zu nennen. Überhaupt hat man als Fahrer oder Passagier immer das Gefühl, in einem richtigen, erwachsenen Auto zu sitzen. Kein Kleinwagen-Feeling, kein Verzicht in Sachen Raumgefühl, Fahrkomfort, Dynamik. Das Ansprechverhalten des Motors ist insgesamt gut, er reagiert mit geringer Verzögerung auf Gasbefehle und entfaltet seine Leistung weitgehend gleichmäßig und nachdrücklich. Niemand denkt beim Fahren daran, dass hier ein Dreizylinder Dienst tut. Die Fahrleistungen sind für alle Lebenslagen ausreichend, es kommt sogar ein wenig sportliches Temperament auf, wenn man die Gänge zu nutzen weiß. 10,8 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h sind kein Sportwagenwert, aber ermöglichen es, jederzeit im Verkehr zügig bis zur Höchstgeschwindigkeit von knapp 190 km/h mitzuschwimmen.

Das Virtuelle Cockpit ist serienmäßig

In unserem Testwagen der Linie „Style“ fällt uns besonders das Digital Cockpit Pro mit dem größeren Bildschirm angenehm auf. Über die „View“-Taste im Multifunktionslenkrad kann der Fahrer zwischen drei grafischen Bühnen wählen und die Inhalte weitgehend frei konfigurieren. So lässt sich beispielsweise bei Fahrzeugen mit Navigationsfunktion eine große Kartendarstellung in das Display einblenden. Ebenso kann die Mediathek samt Coverflow zwischen Drehzahlmesser und Tacho projiziert werden. Ein lohnenswertes Extra ist die Rückfahrkamera für 280 Euro. Der Blick nach hinten gibt einfach ein höchstmögliches Maß an Sicherheit beim Rangieren und Einparken des 4,07 Meter kompakten Auto.

Ausstattungen aus den oberen Rängen der automobilen Nahrungskette

In Punkto Design setzt Polo die mit dem neuen Golf eingeschlagene Linie fort, ohne mit ihm verwechselbar zu sein. Dynamisch und modern, elegant und in jedem Detail von hoher Design- und Material-Qualität. Einen Kleinwagen großartig zu formen, ist allemal schwerer, als einer großen Limousine Ästhetik zu verpassen. Zweifellos trifft der Polo den Geschmacks-Nerv der Zeit. Erstmals mit „IQ.Drive Travel Assist“ ausgestattet bietet er jetzt teilautomatisiertes Fahren. Die IQ.Light LED-Matrix-Scheinwerfer sind in dieser Klasse ein exklusives Bonbon, das die Nacht zum Tag werden lässt. Und bereits serienmäßig: das digitale Cockpit, das über zahlreiche Tasten im Lenkrad gesteuert werden kann. All das ein Beweis der von VW schon lange propagierten „Demokratisierung“ technischer Entwicklungen, die aus der Oberklasse sukzessive in die unteren Ränge der automobilen Nahrungskette durchsickern.

Ein Cockpit mit digitalen Instrumenten in einem futuristischen Display-Design fand man  bislang nur in Fahrzeugen der Oberklasse. Dass nun auch im Kleinwagen Polo eine Virtuelles Cockpit mit der Kartendarstellung zwischen digitalem Drehzahlmesser und Geschwindigkeitsanzeige anzutreffen ist, ist der Beweis für die von VW propagierte „Demokratisierung“ technischer Entwicklungen.

Fazit: Der aktuelle Polo ist in unseren Augen ein ganz Großer unter den Kleinwagen. Der Dreizylinder Benziner weckt mit seinem angenehmen Charakter die Hoffnung, dass die Entwicklung synthetischer Kraftstoffe solchen High-Tech-Verbrennern noch ein langes Leben beschert. Dass VW sich in Sachen Technologie-Transfer nicht scheut, dem Kleinen zahlreiche Details serienmäßig einzubauen, reduziert die Vorbehalte angesichts der Premium-Preisgestaltung. Zählt man alles zusammen, ist der Polo seinen Preis wert, anders gesagt: preiswert.


Möglicher Förderstopp bei Hybridfahrzeugen verspielt Verbrauchervertrauen

„Die Überlegungen, die Förderung für Plug-in Hybride auslaufen zu lassen, gefährdet in einer ohnehin angespannten Zeit den Hochlauf der E-Mobilität und ignoriert die Lebenswirklichkeiten der Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland“, erklärte Hildegard Müller, die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie.

Und auch Reinhard Zirpel, der Präsident des Verbands der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK) und Thomas Peckruhn, der Vizepräsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) halten sich bei ihrer Kritik nicht zurück.

Müller weist darauf hin, dass mit Blick auf eine noch immer vollkommen unzureichend ausgebaute Ladeinfrastruktur, die Plug-in-Hybride als Wegbereiter dienen und einen zentralen Baustein zur Vertrauensbildung beim Umstieg auf die Elektromobilität bilden. „Reichweitenangst bei Langstreckenfahrten gibt es hier nicht. Zudem können sie in Verbindung mit der Nutzung von alternativen Kraftstoffen elementarer Bestandteil des Antriebsportfolios der Zukunft sein.“ Robert Habeck, Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, hatte in einem Interview mit Vertretern der Funke-Medien erklärt, er wolle die Förderung für Plug in-Fahrzeuge zum Jahresende – und damit früher als im Koalitionsvertrag verabredet – auslaufen lassen und die Prämie für reinelektrische Fahrzeuge in Stufen reduzieren. In der Praxis würde das bedeuten, Plug-in-Käufer würden ihre Förderung und E-Auto-Käufer den vollen Satz nur noch dann erhalten, wenn der Antrag in diesem Jahr gestellt wird. Dabei gilt der Tag der Neuzulassung.

Der Ärger bei Herstellern und Händler entzündet sich nun an dem Stichtag. Denn sowohl für die Plug-ins als auch für Elektroautos sind die Lieferzeiten heute so, dass eine Zulassung noch 2022 in vielen Fällen ausgeschlossen ist.VDIK-Präsident Reinhard Zirpel dazu: „Wer ein batterieelektrisches Fahrzeug bestellt, erwirbt jetzt nur noch ein Los zur Teilnahme an der Förderlotterie. Das wird den Absatz dieser Fahrzeuge zunehmend bremsen.“ Die Händler hatten vorgeschlagen das Verfahren der Antragstellung zweistufig zu gestalten: Erst Antrag, dann Zulassung. Habeck und sein Haus hatten das aber abgelehnt und stattdessen vorgeschlagen, die Anbieterseite möge die ausfallenden Prämien zahlen. Dazu empört sich Peckruhn: „Die Hersteller tragen bereits von Anfang an Ihren Anteil am Umweltbonus. Eine Erhöhung dieses Anteils zum Ausgleich der Unsicherheit über den Lieferzeitpunkt ist nicht finanzierbar.“

Die VDA-Präsidentin mahnt: „Die aktuellen Überlegungen umzusetzen, wäre eine Entscheidung gegen die Verbraucher, gegen den Hochlauf der E-Mobilität und letztlich gegen den Standort Deutschland.“ Alle Sprecher sind sich einig: Viele Menschen werden so vom Einstieg in die E-Mobilität abgeschreckt. (aum)


Gibt Volkswagen in der Formel 1 Vollgas?

Warum es gut sein kann, dass der Volkswagenkonzern mit einer seiner zahlreichen Marken in der Formel 1 an den Start gehen wird.

Von Harald Kaiser

Will Volkswagen demnächst im Formel-1-Zirkus auftreten? Nach verschiedenen Meldungen soll bei VW eine Entscheidung unmittelbar bevorstehen, ob der Konzern Teil des Formel 1-Zirkus werden will oder nicht. So meldete es beispielsweise die Nachrichtenagentur Reuters. Webseiten wie motorsporttotal.com, deren Wesen es ist, ausschließlich über die Vollgasszene zu berichten, spekulieren darüber schon länger. Vor Jahren lehnte dies der langjährige VW-Dominator Ferdinand Piëch mit dem Hinweis ab, dass ein Engagement dort reine Geldverschwendung sei.

Sein Nachfolger Herbert Diess bewertet das Thema anders und kann sich eine Teilnahme in der Glamour-Rennserie vorstellen. Vor allem, weil das mediale Interesse an der ehedem ambitionierten Weltmeisterschaft für Elektro-Rennwagen, Formel E genannt, an der der Konzern bis auf weiteres noch mit Porsche teilnimmt, sehr überschaubar ist. Audi und BMW haben sich aus dem weitgehend unpopulären Wettbewerb bereits zurückgezogen, Mercedes fährt noch bis zum Saisonende 2022 und stellt dann den Strom ab.

Zuvorderst werden die Projektplaner von VW versucht haben, das Risiko einer Blamage wie die Chancen auf Erfolg nach ein oder zwei Jahren Anlaufzeit einzuschätzen. Nehmen wir an, die Strategen haben nach Gebirgen von Machbarkeitsstudien schlussendlich die Empfehlung ausgesprochen, dass es für den Autobauer betriebswirtschaftlich wie marktpolitisch lohnenswert erscheint, an dem Multi-Millionen-Dollar-Spektakel teilzunehmen, dann stellt sich die Frage: Mit welcher Marke? Porsche, Audi, Lamborghini oder eben Volkswagen?

Am unwahrscheinlichsten dürfte sein, dass man mit der relativ biederen Marke  Volkswagen auf den internationalen Pisten gegen etablierte Teams wie Mercedes, Ferrari, Renault oder RedBull antreten wird. Zu wenig Sexappeal. Davon hat Lamborghini zu viel. Zu prollig, zu halbseiden. Für die Marke Volkswagen könnte allerdings sprechen, dass sie im Spitzenmotorsport weltweit keine nennenswerte Kontur besitzt, weswegen eine sportliche Imagepolitur aus Marketinggründen womöglich richtig wäre. Andererseits wird es genügend Schlauberger im Konzern geben, die nicht zu Unrecht anführen: Wenn wir da einsteigen, dann nur mit Porsche oder Audi, denn beide haben ein in der Öffentlichkeit seit Jahrzehnten verankertes Vollgasrenommee mit diversen Meistertiteln und vielen Rekorden. Allerdings kann man auch fragen: Brauchen die ohnehin mit starken Sportgenen gesegneten Namen dann überhaupt einen weiteren sportlicheren Anstrich?

Um darauf einigermaßen schlüssig reagieren zu können, muss zunächst ein anderer Punkt erörtert werden: Warum soll der Wolfsburger Autokonzern überhaupt erwägen, sich in das sehr kostspielige und vor allem das von Superegos regierte internationale Getümmel aus Sport, HighTech, Geschäft und Show zu stürzen? Die Antwort steckt in einem Jahrzehnte alten Kernsatz aus der englisch-amerikanischen Motorsportszene. Er lautet: „Win on Sunday sell on monday.“

Diese Motivation, den Verkauf von Alltagsautos mit Hilfe von Rennerfolgen zu pushen, galt insbesondere, als Autoriesen wie Ford vor Jahrzehnten mit entsprechend konkurrenzfähigen Cosworth-Motoren die Szene beherrschten. Heute sind in der Show drei Teams am Start, die nicht nur das Auto, sondern auch eigene Motoren einsetzen: Mercedes, Ferrari und Alpine-Renault. RedBull werkelt inzwischen zwar an eigenen Triebwerken, fährt aber in der aktuellen Saison 2022 noch mit eigenhändig modifizierten Honda-Basismotoren. Mithin ist die weitere Frage, will sich der Volkswagenkonzern ab der Saison 2026, früher ist ein Einstieg auch aus Gründen des Motor-Reglements nicht zu wuppen, nur mit Triebwerken engagieren oder wird in Wolfsburg an ein eigenes Team gedacht?

Zwingend ist ebenfalls die Überlegung, worauf es VW technisch ankommt. Etwa, dass es in der Formel 1 künftig hauptsächlich mit Hilfe eines HighTech-Elektroantriebs mächtig Dampf gemacht wird? In dem Punkt könnte die Formel 1 sogar prima als eine Art Entwicklungsbeschleuniger fungieren. Schließlich müssen in der Vollgasbranche funktionierende technische Lösungen oftmals im Handumdrehen und unter größtem Zeitdruck gefunden werden. Von dem Einfallsreichtum könnten eines Tages die Elektroautos für die Straße profitieren, die ja die Verbrenner ablösen sollen. Der Plan, so es ihn gibt, kann jedoch nur klappen, wenn der mit Porsche- oder Audimotor angetriebene Rennwagen stets mindestens unter den ersten Drei ins Ziel kommt. Sonst drohen auf allen Weltmärkten Spott und Häme, was wiederum zu Umsatzrückgängen führen kann.

Gewährleistet sein muss aus Gründen des Marketings ferner, dass Fernsehübertragungen weiterhin live und weltweit stattfinden. Schließlich soll ja (größtenteils anstelle von klassischer Werbung) hinausposaunt werden, dass die Marke der Hammer ist, sofern am Rennwochenende die Konkurrenz abgehängt wurde. Dafür  ist es nötig, dass Fernsehreporter immer nahe an die Teams ran dürfen und dass die Akteure, Fahrer wie Teamchefs, auch stets für Interviews zur Verfügung stehen — selbst auf das Risiko hin, dass es auch mal unangenehme Fragen oder sogar Kritik gibt.

Nur dann und mit einer ordentlichen Portion Nachberichterstattung in Online- wie Print-Medien ließe sich der Traum von „Win on sunday sell on monday“ womöglich auch erfüllen. Mit anderen Worten: Es muss ein spannender, unterhaltsamer und schillernder Zirkus mit motorisierten Raubtieren sein, über den möglichst viele reden nach dem Motto: „Haste gesehen, wie Porsche die Konkurrenz am Wochenende verblasen hat…?“

Der letzte Punkt, ganz sicher einer der wichtigsten, betrifft die Frage der Fahrer, die Siege ansteuern sollen. Piloten aus der ersten Garde wie Lewis Hamilton (Mercedes) oder Max Verstappen (RedBull) sind nicht unter 50 Millionen Dollar Jahresgage zu bekommen, wenn überhaupt. Denn die Stars haben zumeist längerfristige Vertrage. Dürfen es stattdessen auch Nachwuchshoffnungen, sogenannte Rookies, sein? Wohl eher nicht, jedenfalls nicht als Nummer-Eins-Fahrer im Zwei-Auto-Team. Denn bereits erworbene WM-Titel, die damit verbundene Prominenz und die Erfahrung erhöhen nicht nur die Aussichten auf Siege, sie befeuern auch das Marken-Renommee und die Medien-Aufmerksamkeit.

Angesichts dessen, dass all die aufgeführten Faktoren noch unklar sind oder lediglich ein Plan, der beim Kampf auf der Piste um Hundertstelsekunden schnell Makulatur werden kann, wenn ein VW-Pilot undiszipliniert und übermotiviert einen Konkurrenten von der Piste rempelt, müssen sich die VW-Verantwortlichen auch fragen: ‚Sollen wir nicht besser die Finger davon lassen? Schließlich kann es ja sein, dass das technische Paket sich als nicht konkurrenzfähig erweist. Oder dass wir die falschen Fahrer engagiert haben. Dann Gnade uns Gott vor den vernichtenden Schlagzeilen.’

Passiert das, ist die Blamage unvorstellbar peinlich, das weltweite Abwatschen äußerst schmerzhaft, der Ruf ruiniert und die zig Millionen oder gar Milliarden Euro für den Ausflug in denn letztlich unkalkulierbaren Rennzirkus sind verbrannt. Gar nicht zu reden vom mächtigen VW-Betriebsrat, der dann in der Besserwisserrolle steckt und monieren würde, dass das viele Geld besser für Gehaltserhöhungen der Belegschaft ausgegeben worden wäre.

Kommst es anders, dürfte das sich dann bietende Szenario ähnlich ausfallen wie jenes beim Bau der Elbphilharmonie in Hamburg: Ursprünglich sollte sie 80 Millionen Euro kosten, mehr als 800 Millionen hat sie am Ende verschlungen. Das Geschrei von Verschwendung und Fehleinschätzung der kulturellen Erfolgsaussichten verklang über Jahre nicht. Weil die „Elphi“ inzwischen jedoch ein Publikumsmagnet Hamburgs und überhaupt eine musikalische Attraktion geworden ist, redet heute niemand mehr über die explodierten Kosten. Stattdessen ist der internationale Applaus unüberhörbar. Man stelle sich aber vor, der alte Backsteinspeicher, auf dem die Elphi stolz aufragt, der wäre unter der Last des imposanten Aufbaus zusammengebrochen. Nicht auszudenken.

Der ehemalige Rennfahrer und heutige RedBull-Berater Helmut Marko antwortet auf die Frage, ob VW als Motorenlieferant für das Team infrage käme, dass „wir der attraktivste Partner sind für einen Hersteller, das ist, glaube ich, logisch“. Nicht zuletzt, weil Max Verstappen letztes Jahr am Steuer solch eines Bullen-Renners den Titel des Fahrerweltmeister gewonnen hat. Und genau deswegen wäre RedBull mit Verstappen als Top-Piloten eine Art gemachtes Bett, in das sich Volkswagen nur noch hineinlegen müsse. Doch weil nichts entschieden ist arbeitet die Rennabteilung des österreichischen Brause-Herstellers weiter an einem eigenen Motor, der gegenwärtig in der 2021 gegründeten Firma RedBull Powertrains Ltd. (Milton Keynes/England) entwickelt wird. Denn Honda will nur bis Ende 2025 Motorenunterstützung liefern.

Gut möglich ist indes auch, dass Honda es sich noch anders überlegt, sollte VW tatsächlich in dem Glamour-Zirkus rund um die Welt auftreten wollen. Wie es überhaupt sein kann, dass der Kräftevergleich auf höchstem Technikniveau eine Kettenreaktion unter renommierten Herstellern auslösen und auch auf Toyota oder BMW einen großen Reiz ausüben könnte, wieder in der Weltliga an den Start zu gehen. Marketingstrategen jedenfalls reiben sich schon bei dem Gedanken daran die Hände, dass die Meisterschaft umso reizvoller würde, je mehr namhafte Hersteller sich dieser Herausforderung stellen. Gelänge das, flössen auch hunderte Millionen an Sponsorgelder, wenn sich die Auto-Weltmarken in den Asphaltarenen präsentieren und den stark an Gladiatorenkämpfe erinnernden Nervenkitzel dank modernster Antriebstechnik sogar einigermaßen umweltfreundlich zelebrieren könnten.


Von Alkoholikern, Spinnern und Könnern

Fast unbemerkt von der von ihm so geliebten Öffentlichkeit ist er Mitte Februar 90 geworden: Robert („Bob) Anthony Lutz, der ehemals schillernde Autoboss, suchte stets die Blitzlichter, nahm nie ein Blatt vor den Mund und sonnte sich in seiner Prominenz. Heute lebt er zurückgezogen in Ann Arbor/Michigan. Wie er über manche seiner einstigen Managerkollegen urteilt und wie es auf den Chefetagen mitunter zuging, hat er in seinen Erinnerungen „Idole und Idioten“* veröffentlicht. Auszüge daraus mit gleichermaßen amüsanten wie teils absonderlichen Erlebnisse im feinen Zwirn.

Von Harald Kaiser

Wer den gebürtigen Züricher Bob Lutz je erlebt hat, wird ihn kaum vergessen. Seine äußerlichen Erkennungsmerkmale: Fast zwei Meter groß, gut aussehend, volles Haar, oft eine dicke Zigarre qualmend und bei offiziellen Terminen auch schon mal Cowboy-Stiefel tragend. Sein prägnantestes Merkmal aber ist die Neigung zu deutlichen Worten zusammen mit einem dröhnenden Lachen – gerne auf Kosten anderer. Lutz, der selbst Jahrzehnte in den Vorstandsetagen von General Motors, BMW, Ford, Chrysler und am Ende seiner Karriere wieder bei General Motors die Geschicke der Konzerne mitbestimmte, schildert in dem Buch seine Erlebnisse mit zehn ehemaligen Chefs. Süffigerzählt er, dass die vermeintlich allmächtigen Bosse oft hauptsächlich damit beschäftigt waren, ihre Eitelkeiten auszuleben und Schrullen zu pflegen, anstatt ihre Millionen-Jobs zu machen.

Um dem Alkohol zu frönen, machte der Chef bei Opel stets um 16 Uhr Feierabend

Ein paar Beispiele. Etwa Ralph Mason, von 1966 bis1970 Chef der GM-Tochter Opel, der offenbar stets ziemlich benebelt war. Lutz, damals dort Verkaufsvorstand, nennt ihn einen „kapitalen Alkoholiker“. Als Beleg dafür schildert er den Verlauf eines Geschäftsessens Masons mit deutschen Opelhändlern, „bei dem sich Ralph bis zu Besinnungslosigkeit betrank. Zwei meiner kräftigeren Bezirksleiter aus meiner Vertriebsmannschaft mussten ihn in den Hotelaufzug schleppen, während die Kappen seiner teuren Budapester-Schuhe über den Steinboden schrappten“.

Dass Mason der Trunksucht verfallen war, macht Lutz auch an einem anderen Punkt fest. Mason verlies nämlich stets um 16 Uhr das Unternehmen in Rüsselsheim mit dem Hinweis: „Ich muss los meine Herren, hab’ noch einen wichtigen Termin in der Stadt.“ Der entpuppte sich als Treffen mit Masons Ehefrau Rina in der damals angesagten Frankfurter Bar „New Jimmy’s“. Dort soll bis an die Grenze der Bewusstlosigkeit gebechert worden sein. Lutz: „Hier betranken sich Ralph und Rina jeden Abend hoffnungslos, wurden dann heimgefahren und von ihrem Chauffeur und den Wachleuten ins Haus verfrachtet.“

Gehässig beschreibt Lutz das Äußere seines damaligen Bosses  „Mit über 1,80 Metern Größe und rund 110 Kilo Kampfgewicht trat er imposant auf. Seine große, gedrungene Gestalt krönte ein überlanges Gesicht, dessen ovale Form zusätzlich betont wurde durch eine hohe Stirn und einen mächtigen Schädel, den die darüber gekämmten rötliche Haarsträhnen nur unzulänglich kaschierten. Den Eindruck vom ‚längsten Gesicht aller Zeiten‘ verstärkte noch der Umstand, dass Ralph, der damals Anfang 60 war, kein erkennbares Kinn hatte. Von seiner Unterlippe aus fiel eine rötliche Fettschürze in weichem Bogen bis zum Hemdkragen ab.“

Eine gestohlene Handtasche führte für den Opel-Chef und seiner Frau zum Lokalverbot

Die unzähligen Gelage des Ehepaars Mason in der Bar mündeten schließlich in einem Eklat wegen der angeblich gestohlenen Handtasche von Rina Mason. Die jedoch hatte sie bloß verlegt und im Vollsuff nicht mehr gefunden. Daraufhin erteilte der Barbesitzer den beiden Amerikanern Lokalverbot. Irgendwann war Mason wegen seiner Eskapaden nicht mehr haltbar und wurde auf den repräsentativen Posten des Chairman GM Europe mit Sitz in London „befördert“ – dem Sonnenuntergang entgegen, wie solche Versetzungen laut Lutz bei General Motors genannt wurden.

Von ganz anderem Schlag und stets klar im Kopf war nach Lutz’ Einschätzung Freiherr Eberhard von Kuenheim, der legendäre Boss von BMW, dort von 1970 bis 1993 im Amt. Kuenheim, der auf die 96 zusteuert, deckte nach Lutz’ Schilderung gleich zu Anfang seiner Karriere einen gigantischen internen Betrug des damaligen BMW-Verkaufschefs Paul Hahnemann auf, von dem seinerzeit nichts an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Hahnemann hatte mit Hilfe einer willfährigen Werbeagentur und fingierten Rechnungen für nie erbrachte Leistungen Millionen Mark auf sein Konto umleiten lassen. Geschickt verstand es BMW, den Millionen-Beschiss als verlorenen Machtkampf von Hahnemann darzustellen. Denn der wollte anstelle von Eberhard von Kuenheim selbst BMW-Chef werden, was nicht gelang und weswegen er bitter enttäuscht angeblich seinen Rücktritt erklärt habe. Dass es anders war, enthüllte Bob Lutz in seinem Buch: Man einigte sich einvernehmlich darauf, dass Hahnemann das Unternehmen geräuschlos verlässt, woraufhin Lutz Hahnemanns Nachfolger wurde.

Lutz schreibt über v. Kuenheim respektvoll: „Man durfte sich vom Dauerlächeln, vom jungenhaften Auftreten, von der leisen Stimme und der kultivierten Sprache des jungen Freiherrn nicht täuschen lassen. Er war gerissen und knallhart.“ Als wäre es gestern gewesen, erinnert sich der Schweizer mit US-Pass präzise an eine Fahrt mit Kuenheim von München nach Stuttgart zum Daimler-Boss Joachim Zahn. Eine delikate Mission, wie sich herausstellen sollte. Es ging darum, gutes Wetter zwischen den Konkurrenten zu erzeugen. Kaum jedoch hatte man in Zahns Büro Platz genommen und am gereichten Kaffee genippt, wedelte der aufgebrachte Daimler-Chef mit einem mehrseitigen Dossier, auf dem das avantgardistische Flügeltüren-Turbocoupé zu sehen war, das BMW aus Anlass der Olympischen Spiele 1972 in München vorgestellt hatte.

Daimler-Chef Joachim Zahn wollte BMW den Aufstieg in die Oberklasse verbieten

„Das ist ein Unding! Ein Unding!“, erregte sich Zahn Lutz’ zufolge. Und weiter: „BMW hat kein Recht, ein Flügeltürenmodell zu präsentieren! Das haben wir bereits getan mit unserem großartigen Prototypen C111! Das können Sie nicht machen!“ Auf die Frage, ob Mercedes ein Patent oder ein Urheberrecht auf das Design verfüge, entgegnete Zahn barsch: „Das tut nichts zur Sache! BMW hat kein Recht, Mercedes zu kopieren! Herr von Kuenheim, das muss aufhören! Außerdem verkauft Herr Lutz auch viel zu viele große Sechszylinder-Limousinen und -Coupés. Auch das muss aufhören. Sechszylinder sind unsere Spezialität. Sie produzieren gute Vierzylinder. Konzentrieren Sie sich darauf.“

Lutz glaubte, nicht recht gehört zu haben. Der größte Rivale forderte BMW unverblümt zur illegalen Aufteilung des Marktes auf. Und was von Kuenheim Zahn geantwortet hat, auch das verblüffte Lutz: „Herr Dr. Zahn, gute Beziehungen zwischen unseren Unternehmen sind für uns beide von größter Bedeutung und wir werden nichts tun, was diese belasten könnte.“ Auf der Rückfahrt nach München zeigte sich jedoch, das Kuenheims Äußerung eine hohle Höflichkeitsfloskel war. Denn der BMW-Chef sagte zu seinem noch immer konsternierten Vertriebsvorstand: „Was die Sechszylinder angeht, treiben Sie das Geschäft ruhig weiter voran.“ Das taktische und strategische Geschick von Kuenheims hat Lutz imponiert, wenngleich die beiden bei vielen modellpolitischen Themen oft über Kreuz waren.

Fiel Lutz an der Person Kuenheim dessen manieriertes und oftmals herablassendes Gehabe auf, bemerkte er beim ehemaligen Ford-Konzernboss Philipp Caldwell mehrere ausgeprägte Macken. Der störte sich beispielsweise an nicht gleichlangen Schnürsenkel an Schuhen. Ferner besaß er als Abstinenzler den Tick, stets nur britisches Wasser der Marke ‚Malvern Water‘ zu trinken, das auch auf längeren Dienstreisen im Firmenjet mitgeführt werden musste. Gelegentlich kam es vor, dass Caldwell alle Flaschen rasch geleert hatte und sein Wasser-Favorit nirgends aufzutreiben war. Wie es dann weiterging, schildert in Lutz’ Buch eine Flugbegleiterin: „Als sie leer waren, haben wir sie mit irgendwas aufgefüllt.“

Ford-Chef Caldwell sammelte in den Hotels die Marmeladengläschen

Ein weiterer Spleen schließlich lässt Lutz wohl bis heute die Stirn runzeln. Eines Tages war Caldwell auf Deutschlandtour bei Ford in Köln, wo Lutz zu dem Zeitpunkt Chef war. Großzügig hatte er seinen Dienstwagen mit Chauffeur an Caldwell abgestellt, damit den großen Boss fahren konnte. Als dieser nach einem mehrtägigen Besuch wieder auf dem Weg nach Amerika war, zog der Chauffeur Lutz ins Vertrauen und schilderte ihm ein merkwürdiges Erlebnis: Er musste dem Piloten des Firmenjets am Flughafen Köln/Bonn eine schwere Tasche übergeben, die er zuvor beim Chef des Kölner Hotelsabgeholt hatte, in dem Caldwell abgestiegen war. Weil der Pilot keine Anstalten machte, die Tasche sofort ins Flugzeug zu bringen, mahnte der Fahrer dies mit den Worten an: „Wir dürfen sie doch nicht irgendwo abstellen.“ Darauf der Pilot, der mit Caldwells Marotten vertraut war: „Du meine Güte, ich zeige Ihnen mal, was in der verflixten Tasche ist.“ Er riss den Reißverschluss auf, zum Vorschein kamen Dutzende kleine Marmeladengläschen, wie sie in europäischen Hotels zum Frühstück gereicht werden.

Das absolut lesenswerte Buch erschien bereits 2014, liest sich aber sehr aktuell, ist großartig geschrieben (sensibel aus dem Englischen übersetzt), spannend und humorvoll und ist eine absolute Empfehlung. Lutz nimmt kein Blatt vor den Mund, bleibt aber immer höflich, beschreibt minuziös zahlreiche Top-Manager, mit denen er persönlich zu tun hatte. 

*„Idole und Idioten – Haarsträubende Erlebnisse auf der Chefetage“, Campus Verlag/März 2014, nur noch als E-Book erhältlich.


Alles nur geklaut: Chinesen kopieren Auto-Designs wild drauf los

Warum anstrengen, wenn man Ideen abkupfern kann! Zumeist sogar ungestraft. Jedenfalls in China. Dort schmücken sich Autofirmen gerne mit fremden Federn und kopieren ungeniert westliche Modelle.

 Von Harald Kaiser

Da staunt der Laie, der Experte wundert sich. Ist das nun das Original oder eine Fälschung? Es geht um den VW Beetle, auf dessen Heckklappe „ORA Punk Cat“ steht. Es ist eine Fälschung aus China. Eine, bei der sich die Bosse des Herstellers über die Frage nach der Rechtmäßigkeit herzlich amüsieren dürften. Rechtliche Bedenken? Was für ein Quatsch. Stattdessen einfach brutal abkupfern, das ist das Geschäftsmodell. Denn so lassen sich Kosten sparen, weil ein Konkurrent bereits die notwendige Design-Vorarbeit geleistet hat.

Wenn das kein Porsche ist…

Nach dieser Maßgabe arbeiten diverse chinesische Autohersteller seit Jahren, wenn sie sich auf Märkten etablieren wollen, auf denen beispielsweise deutsche Konkurrenten erfolgreich sind. Aktuell betroffen ist Volkswagen. Obwohl der Wolfsburger Autoriese die fernöstliche Kopiersucht seit langem kennt, muss er zur Kenntnis nehmen, dass Great Wall Motors die Produktion einer Beetle-Kopie mit Elektromotor gestartet hat. Es gibt lediglich drei augenfällige Unterschiede:
vier Türen statt zwei wie am Original,
der Wagen ist einen Tick länger
und das Namensschild hinten.

Ansonsten sieht die chinesische Doublette dem VW-Beetle wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich.

Beetle oder nicht?

Zudem trägt die rotzfreche Kopie, die bereits auf der Shanghai Motor Show im April 2021 gezeigt wurde, viel Chromschmuck um die Radläufe, den Stoßstangen, den Fenstern und an den Karosseriesicken. Am Heck kopiert der Ora Punk Cat die ovalen Rückleuchten der frühen Käfer-Modelle. Selbst das Lenkrad mit dem filigranen Hupring könnte aus dem VW-Regal stammen. Jetzt soll der Wagen in Serie gehen.

Die formale Nähe zum alten VW Käfer oder auch zum modernen VW Beetle ist den Wolfsburgern natürlich nicht verborgen geblieben, zumal der Konzern in China ja  mächtig tätig ist. Dazu ein paar Fakten: Die Volkswagen Group China betreibt 33 Werke in Shanghai, Changchun, Dalian, Nanjing, Yizheng, Chengdu, Foshan, Ningbo, Changsha, Urumtschi, Hefei und Tianjin für die Produktion von Fahrzeugen und Komponenten. Ende Oktober 2019 hatte die Volkswagen Group China einschließlich der Mitarbeiter dieser Joint Ventures mehr als 100.000 Mitarbeiter. Jedes Jahr werden dort vier bis fünf Millionen Autos hergestellt, durch Corona stockte die Produktion zuletzt jedoch.

Neu ist die Kopiererei nicht

Angesichts dieses großen Engagements von Volkswagen in dem Riesenreich, was selbstverständlich enorme und vor allem willkommene volkswirtschaftliche Effekte hat, sollte man annehmen, dass die Zentralregierung den frechen Kopierern in die Parade fährt und derartiges Geschäftsgebaren verbietet. Doch davon ist zumindest offiziell nichts zu spüren. VW sagt, man prüfe, ob gegen Great Wall Motors wegen Design-Patentverletzungen rechtlich vorgegangen werden könne. Mitte Februar hat VW-Chef Herbert Diess – irgendwie hilflos – mitgeteilt, dass man erwäge, den Beetle als Elektroversion rauszubringen.

Daimler lässt grüßen….

Darüber lacht Great Wall und hat nach einer Meldung des Automagazins „auto motor und sport“ inzwischen das Design des Ora Punk Cat in China als auch in Europa patenrechtlich in zwei Varianten schützen lassen. Der Schutz auf diese Geschmacksmuster läuft zunächst fünf Jahre – also bis wenigstens 2026. Er kann aber wiederholt um jeweils fünf Jahre auf maximal 25 Jahre verlängert werden. Unklar ist derzeit, ob Great Wall Motors beide Varianten demnächst auch in Europa verkaufen will. Klar ist indes, dass die dreisten Kopisten zunächst ein anderes Auto in Europa anbieten werden: den Elektro-Kleinwagen „Ora Cat“, der von vorne wie ein kleiner Porsche wirkt und der gegen den Mini Cooper SE, den VW ID3 und den Renault Zoe antritt.

Internationalen Design-Schutz gibt es praktisch nicht

Neu ist die Kopiererei nicht. Chinesische Autohersteller kupfern immer wieder Designs anderer Marken ab, ohne dass diese dagegen vorgehen, denn einen internationalen Design-Schutz gibt es nicht. Jeder Markt hat seine eigenen rechtlichen Rahmenbedingungen, was die Durchsetzung eventueller Ansprüche schwierig macht. Die Kölner

Unverkennbar: eine smarte Kopie

„Auto Zeitung“ monierte schon 2020, dass der „Songsan Summer,“ der „Huansu Hyosow C60“ und der „BAIC BJ80 (6×6)“ Plagiate des kultigen VW Bus T1, des Sport-SUV Lamborghini Urus und der Mercedes G-Klasse sind. Auch der „Beijing BJ40L“ und der „Zotye SR8“ besitzen Vorbilder: Jeep Wrangler und Porsche Macan. Der Möchtegern-Porsche, umgerechnet 15.000 Euro billig, unterschiedet sich äußerlich vom Original nur dadurch, dass er keinen Porsche-Schriftzug trägt.

Ein Gericht in Peking gab Range Rover Recht

Was tun? Zumeist ist mangels entsprechender chinesischer Gesetze kein Kraut dagegen gewachsen.Bisher hat es lediglich Land Rover 2019 nach mehr als drei Jahren rechtlicher Auseinandersetzung geschafft, den „Landwind X7“ von „Jiangling Motors“ verbieten zu lassen, der dem Range Rover Evoque nachgebaut worden ist. Das Distriktgericht Peking Chaoyang stellte in dem Verfahren fest, dass der Landwind X7 von Jiangling eine Kopie des Evoque ist. Die Ähnlichkeit der beiden

Landwind-X7Range-Rover-Evoque-Kopie

Fahrzeuge sei zu hoch und es sei bereits zu weit verbreiteten Verwechslungen bei Kunden gekommen. Das Gericht legte fest, dass Verkauf, Herstellung und Marketing des Landwind sofort einzustellen sind. Zudem musste die Jiangling Motor Corporation den Briten eine Entschädigung zahlen. Über die Höhe der Summe wurde Vertraulichkeit vereinbart. Wer aber will prüfen, was in den Weiten des großen Landes in irgendwelchen Wellblechbuden munter weiter nachgebaut wird?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Schaut mal, wie die Zukunft war

Vor gut 65 Jahren wollten die Amis der Welt weismachen, dass wir bald in Raumschiffen auf Rädern reisen. Eine Auswahl der Verrücktheiten mit Gasturbine und sogar Atomantrieb.

Von Harald Kaiser

Ein Hauch von Hollywood umwehte die Szenerie. Gleißende Scheinwerfer, sphärische Klänge und eine Tanzcombo bildeten den Rahmen für die Präsentation einer Art Raumschiff auf Rädern. Das Waldorf Astoria Hotel in New York war 1958 von General Motors (GM) dafür ausgesucht worden, mordsmäßig auf dicke Hose zu machen. Der Konzern wollte dort ein Automobil zeigen, das nicht weniger als den weltweiten Autobau revolutionieren sollte. Es handelte sich um das Showcar Firebird III, das von seiner Gestalt her so wirkte, als würde es sogleich zur nächsten Galaxie starten wollen.

Chefdesigner Harley Earl, als Zweimeter-Hüne selbst eine Schau und zudem in Hollywood geboren, sagte bei der Präsentation: „Das ist das Auto, mit dem Sie eines Tages zum Astroport fahren werden, wenn Sie ihren Trip zum Mond antreten.“ Eines mit drei riesigen Leitwerken hinten, vier weiteren Stummelflügeln drum herum sowie zwei nebeneinander angeordneten Plexiglaskuppeln für je einen Reisenden. Unter der imposanten Hülle steckte eine 225-PS-Gasturbine, anstelle eines Lenkrads gab es einen Steuerknüppel, mit dem Gas gegeben und gebremst werden konnte.

Die meisten spektakulären Showcars verschwanden wieder  von der Bildfläche

Dass der markige Satz des Obergestalters nicht über den Stellenwert eines Horoskops hinaus gekommen ist, verwundert nicht weiter. War doch die Straßenrakete nichts weiter als eine spinnerte Studie oder ein verrücktes Gedankenspiel mit dem Ziel, die Medien zu füttern. Wie schon mit den etwas weniger spektakulären Showcars Firebird I und II 1953 und 1957. Alle waren viel zu weit weg von den tatsächlichen Bedürfnissen der Autofahrernation USA. Auch Firebird IV, der 1964 Schlagzeilen machte, war nur eine Augenweide ohne Innenleben. Drei Jahre später blieb ein Rest der irren Visionen übrig: 1967 fand wenigstens der Name Eingang in das Modell-Universum von GM – als Pontiac Firebird.

In der Geschichte des Autos gab es Unmengen solcher verheißungsvollen Ankündigungen wie auch die absonderlichsten Kuriositäten. Zum Beispiel den elektrisch betriebenen „FX-Atmos“ mit gedachtem Atomreaktor, den Ford 1954 im damals anbrechenden Kernkraftzeitalter vorstellte. Ford sah sich von GM herausgefordert, eine ähnliche Idee wie die Firebird-Reihe auf Räder zu stellen. Völlig gleichgültig, ob dafür auch nur die geringste Chance auf Realisierung bestand.

Sogar an Atomantriebe wurde gedacht

Aus den vorderen Kotflügeln des Atmos ragten seltsame Gebilde heraus, riesigen Injektionsnadeln gleich. Gerade so, als strecke ein im Inneren verborgener elektronischer Zauberkasten seine Fühler aus, um den Vordermann auf gebührendem Abstand zur eigenen Blechpelle zu halten. Derlei Krimskrams fand sich bis etwa Mitte der 60er-Jahre regelmäßig an solchen Experimental Cars, mit denen die Autokonzerne deutlich machen wollten, wohin die Reise technisch und optische gehen könnte.

Obwohl selbst technikhörige Fans schon damals nicht recht glauben wollten, dass das geplante Atomauto jemals auf die Straße kommt, ließ sich Ford von dem atomaren Ansatz nicht abbringen. 1958 stellte der Konzern den „Nucleon“ vor und behauptete, dass der geplante Mini-Kernreaktor unter der Haube Antriebsstrom für etwa 8.000 Kilometer liefern würde. Was er indes nur lieferte, waren die beabsichtigten Schlagzeilen.

Zwar verschwand auch diese Idee rasch in der Grabbelkiste der Verrücktheiten. Doch vier Jahre später, 1962, kam unverdrossen der dritte Streich: Diesmal hieß das Fahrzeug „Seattle-ite“, das als fahrbarer Reaktor konzipiert wurde. Der Name war einerseits eine Anspielung auf die US-Westküstenestadt Seattle, in der die Glitzershow stattfand. Andererseits sollte mit dem Kunstbegriff auf den überirdischen Anspruch der Kreation als eine Art Satellit hingewiesen werden. Ernst zu nehmen war von diesen Schöpfungen keine. Doch die landesweiten „Boah-ej!“-Schlagzeilen führten zum beabsichtigen Ergebnis: Man redete über sie. Doch als das Brimborium auf den Ausstellungen verklungen und andere Themen Pressewirbel erzeugten, ebbte die Aufregung um die Atom-Hirngespinste genau so schnell wieder ab wie sie zuvor hochgejazzt worden war.

Manche Show-Exemplare könnten aus dem „Krieg der Sterne“ stammen

1964 traute sich der Autoriese GM aus heutiger Sicht Unerhörtes – er zeigte ein Auto für eine spezielle Zielgruppe: Der „Runabout“ wurde auf der Weltausstellung in New York als kommendes Hausfrauenauto mit nur drei Rädern angepriesen. Wobei das Vordere zum besseren Einparken um 180 Grad gedreht werden konnte. Hinten hatten die Konstrukteure einen ausfahrbaren Einkaufswagen installiert. Der Sinn: Die Hausfrau zieht den leeren Einkaufswagen auf dem Parkplatz des Supermarkts aus dem Heck raus und schiebt ihn später beladen wieder rein, wobei dessen kleinen Rädchen automatisch ein- oder ausklappen. Zuhause kann sie den Einkauf dann bis zum Kühlschrank rollen. Die gekauften Lebensmittel müssen also nicht mehrfach umgepackt werden.

Aufregung wegen des Machogedankens dahinter kam damals nicht auf, jedenfalls nicht spürbar. Dennoch trug dieses Konzept die Gene eines Flops in sich und es kam nie über den Status eines Einzelstücks hinaus. Aus heutiger Sicht bleibt jedoch die interessante Frage: Hätte die Nummer mit dem Einkaufswagen im Heck realistischere Chancen auf eine Verwirklichung gehabt, wenn die Idee geschlechtsneutral verkauft worden wäre? Gut vorstellbar, dass dieser pfiffige Einfall auch einkaufende Männer überzeugen würde.

Von der Gestalt her könnten die meisten dieser Ungetüme auch heute noch ohne weiteres der Filmserie „Krieg der Sterne“ entstammen. Sie sahen mit ihrem futuristischen Design und dem schwergewichtigen Chrombalast mitunter aus wie Ufos nach einer misslungenen Notlandung. Alles, was Eindruck auf den stets überfüllten Motorshows in den USA zu machen versprach, war für die Autodesigner gerade gut genug. Von Mal zu Mal überboten sich die Formgeber von GM, Ford und Chrysler in einem erbitterten Ideen-Wettstreit vierteljahresweise um das angebliche Auto der Zukunft. Etwa die auf Knopfdruck rausfahrenden gewaltigen Heckflossen oder Steuerknüppel anstelle eines Lenkrades. Derartiges  schien damals das Non-plus-ultra zu sein. Klein und fein hingegen, Stadtwagen mit schwächlichen Motörchen, wie sie zur gleichen Zeit in Europa Mode wurden, kam jenen Künstlern nicht in den Sinn.

Im Ford X-100 stecken fast 13 km Kabel

Einer von ihnen, die sich nach Herzenslust austoben durften, hieß Elwood Engel. Der Ford-Entwickler stellte 1953 den Raumkreuzer „X-100“ auf Räder, an dessen Innenleben sich heute noch Technikfans erfreuen dürften. Vollgestopft mit 12,8 Kilometer elektrischen Strippen, 50 Glühbirnen, 44 Elektroröhren, 24 Elektromotoren, 92 Stromschaltern und 53 Relais ging in dem schnittigen Blechriesen alles wie von selbst. Sein gläsernes Cabriodach schloss sich bei Regen automatisch, und bei Bedarf öffneten sich Motorhaube und Kofferraumdeckel wie von Geisterhand bewegt. Später kam mit dem „X-1000“ im Jet-Look und ausfahrbaren Heckflossen noch eine Steigerung hinzu.

Dass von all diesen Gimmicks wenigsten ein oder zwei Sonderausstattungen tatsächlich wie versprochen funktionierten, wäre in den 50er- und 60er-Jahren eher ungewöhnlich gewesen. Denn gemeinhin standen die Messebesucher vor Blendern und Schwindlern, die sich im Rampenlicht auf Bühnen drehten und dabei häufig von sphärischen Klängen untermalt wurden. Zumeist trugen die Möchtegern-Autos der Zukunft außer stützenden Holzlatten nichts besonderes unter dem futuristischen Kleid.

Das traf auch auf den „Lincoln Futura“ zu, dem schließlich eine spezielle Karriere  bevorstand. Viel hatte das Auto mit dem zukunftsträchtigen Namen und der Breitmaulhai-Optik nicht zu bieten. Es fuhr an einem März-Morgen des Jahres 1955 sogar ganz unfuturistisch dank seines stinknormalen Benzinmotors aus eigener Kraft zur Premiere in den New Yorker Central Park. Erwähnenswert an dem 5,79 Meter langen Schau-Meister sind noch die zwei Plexiglaskuppeln für die Passagiere sowie die Lackierung des Lulatsch. Die schimmerte wie die Haut eines phantastischen Tiefseemonsters. Ein Effekt, der mit einem Destillat aus Fischschuppen erzielt wurde. Ford-Chefdesigner George Walker schenkte das Auto später dem Karosserieveredler George Barris in Hollywood. Der machte die Flunder 1966 nach kleinen Umbauten zum Filmstar. Es wurde das erste Batmobil von Batman.

Auch auf die besten Ideen rieselte der Staub des Vergessens

Anders als die meisten dieser Möchtegerns schob Honda Jahrzehnte später eine Studie auf den Messestand der Tokio Motor Show 2011, von der man sich gewünscht hätte, sie würde auf den Markt kommen. Das „Micro Commuter Concept“ sollte zeigen, wie städtische Mobilität demnächst aussehen könnte. Es handelte sich um ein dreisitziges und 2,50 Meter kurzes Zubringer-Elektroauto für die City, das allein schon wegen seines Looks hervorstach. Es kam mit einer Art Nachthemd über den Rädern im Gespensterlook daher. Zudem erwies es sich als Überraschungsei. Denn in einer der zwei Türen hatten Hondas Zukunftsforscher ein Mini-Elektromotorrad platziert, mit dem der Fahrer oder die Fahrerin vom Parkplatz am Stadtrand abgas- und staufrei in die Innenstadt flitzen soll.

Doch leider blühte auch dieser Studie das typische Schicksal: Kaum waren die Blitzlichter erloschen, rieselte der Staub des Vergessens auf sie.

 


VW ID.Buzz und ID.Buzz Cargo: Der Bulli wird zum High-Tech-Stromer

Mit der Weltpremiere zweier Elektrofahrzeuge will Volkswagen die Tradition der Transporter-Iconen fortsetzen. Was in den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts mit dem legendären T1 begonnen hat, soll als ID.Buzz und ID.Buzz Cargo rein elektrisch in die Zukunft fahren. Hier rollt nicht nur ein neues E-Modell auf den Markt, sondern eine Fülle innovativer Produkteigenschaften.

Ob der technologische Systemwechsel gelingt, wird die Zukunft zeigen. Fest steht, dass der elektrische Bulli in Sachen Design die besten Voraussetzungen mitbringt, ein Erfolg zu werden. Das ganze Fahrzeug soll Nachhaltigkeit repräsentieren. Bis hin zum Systemwechsel zur „tierfreien“ Innenausstattung: Leder wird ersetzt durch nachhaltige Kunststoffe, ja selbst das „Lederlenkrad“ wird mit einem Stoff überzogen, das sich wie Leder anfühlt, aber keines ist. Die Sitzbezüge bestehen aus sogenanntem SEAQUAL®-Garn, dessen Fäden zu ca. 10 Prozent aus gesammeltem Meeres-Kunststoffen und zu ca. 90 Prozent aus PES (recycelte PET-Flaschen) bestehen. Selbst das als konzernweites Novum im ID. Buzz eingesetzte ArtVelours „ECO“ besteht zu 71 Prozent aus Rezyklat.

Nachhaltigkeit wird groß geschrieben. Sogar das „Leder“ stammt nicht vom Tier, sondern von recycelten PET-Falschen  Fotos: Volkswagen

Der Nachhaltigkeitsgedanke geht soweit, dass Volkswagen von einem nahezu bilanziell CO2-freien Lebenszyklus spricht, der von der Produktion aller Teile bis zum Ende der Lebensdauer einschließlich der Batterien ausgeht. Das ist ein Wort, das einzuhalten nicht gerade leicht sein wird.

Die Europaversionen werden zur Markteinführung mit einer 77-kWh-Batterie starten (Bruttoenergiegehalt: 82 kWh). Sie versorgt einen 150 kW starken Elektromotor mit Strom, der die Hinterachse antreibt. Die Ladeleistung bei der Nutzung von Wechselstrom (AC) beträgt 11 kW. Per CCS-Stecker an einer DC-Schnellladesäule (Gleichstrom) steigt die Ladeleistung auf bis zu 170 kW; die Batterie ist so nach rund 30 Minuten von 5 auf 80 Prozent geladen. Die Höchstgeschwindigkeit wird bei 145 km/h abgeriegelt.

Das Design vermittelt eine sympathische Ausstrahlung

Die visuelle Klammer um alle diese Parameter der Nachhaltigkeit soll das Design ausdrücken. „Der ID. Buzz bringt viel Sympathie und Nähe zum Menschen wieder zurück auf die Straße“, skizziert Jozef Kabaň, Leiter Volkswagen Design. Tatsächlich ist die sympathische Ausstrahlung des Exterieurs absolut gelungen. Es ist nicht falsch hier die Geschichte des Bulli wahrzunehmen, die vom deutschen Wirtschaftswunder über das amerikanische Woodstock-Festival und die kalifornische Surfer-Kultur bis in unsere Gegenwart reicht. Natürlich soll das neue Modell auch in den USA verkauft werden, dann allerdings in der längeren Version. Der jetzt vorgestellte ID.Buzz ist 4.712 Millimeter lang undc1.985 Millimeter breit.

Der Preis soll unter 40.000 Euro liegen

Der neue ID.Buzz ist nicht nur ein neues E-Modell, sondern die Ingenieure haben sich tief in die technologischen Möglichkeiten eingegraben, die Volkswagen hier zum Innovationstreiber machen. Nur ein Beispiel: Das Chaos unterschiedlicher Ladekarten, die immer wieder E-Mobilisten in die Verzweiflung treiben, gibt es nicht mehr. Sobald das Ladekabel eingesteckt wird, startet eine verschlüsselte und sichere Kommunikation nach dem sogenannten ISO-15118-Standard zwischen dem ID. Buzz und der Säule. Diese Authentifizierung dauert nur wenige Sekunden, dann beginnt der Ladevorgang – eine Ladekarte zur Zahlung ist also hier nicht mehr nötig. Die Abrechnung läuft dabei per „We Charge“-Vertrag mit Volkswagen. „Plug & Charge“ wird im Netz von Ionity, Aral, bp, Enel, EON sowie Iberdrola und Eviny zum Einsatz kommen. Zudem laufen bereits Gespräche mit weiteren großen Anbietern. Das ist fürwahr ein Fortschritt. Und zweifellos ein Argument, der E-Mobilität den Weg zu bereiten. Wie Volkswagen hier vorgeht, macht die Ernsthaftigkeit und Konsequenz deutlich, den strategisch entschiedenen Weg zur Batterie-Mobilität fortzusetzen. Der Basis-Preis des ID.Buzz soll unter 40.000 Euro liegen.

 

 

 

 


Fahrbericht VW ID Buzz: Noch leicht getarnt feiert er die Vielfalt

Von Jens Meiners

Dieser Bus bringt gute Stimmung bei Volkswagen: der ID Buzz. Der vollelektrische Bulli ist stilistisch inspiriert von den ersten Generationen des VW Bus´, die längst den Status einer Ikone genießen und entsprechend teuer und gesucht sind.

Nur dank des Elektroantriebs habe man das Auto so gestalten können, hieß es in Hamburg, wo wir am Steuer eines ID Buzz aus der Vorserie Platz nehmen durften. Denn der E-Antrieb bei Volkswagen steht auf einer heckgetriebenen Plattform, ganz wie es früher einmal war, bis mit dem K 70 die Modernisierung der Marke eingeläutet wurde.

Ein bisschen getarnt ist er noch, der ID Buzz, den wir in der Version „People“ fahren durften. Er schillert in den Farben des Regenbogens, wie er einst die Buchmann-Varianten des Porsche 930 Turbo oder die Turbodelta-Versionen von Alfa Romeo zierte. Im Gegensatz zu diesen elitären Vorläufern aus der Designgeschichte soll der Betrachter die Visualisierung der Spektralfarben per Selbstklebestreifen allerdings als politisches Statement begreifen: Der ID Buzz stehe für „Diversität“.

Unser Autor Jens Meiners kurz nach seiner Testfahrt                            Fotos: Autoren-Union Mobilität/Volkswagen

Doch auch ohne bunte Aufkleber würde der ID-Bulli die Blicke auf sich ziehen. Denn er zeichnet sich durch eine wohlproportionierte, rundliche Form aus, die durch ein freundliches Gesicht mit großem VW-Logo und horizontal gezeichnete Rückleuchten akzentuiert wird. Die Diversität des ID Buzz manifestiert sich technisch in zwei deutlich voneinander abgegrenzten Varianten: Der „Cargo“ verfügt stets über nur eine Sitzreihe mit zwei oder drei Plätzen sowie ein einfach gestaltetes, robustes Armaturenbrett; am Heck gibt es eine normale Klappe oder seitlich aufschwenkende Flügeltüren.

Die Variante „People“ hingegen besitzt eine aufwendiger gestaltete Armaturentafel und unterschiedliche Bestuhlungen; es wird hier später optional auch einen längeren Radstand geben.Unter der Ladefläche dieser bislang größten Ableitung der vollelektrischen MEB-Architektur befindet sich ein 77-kWh-Akku und der Elektromotor mit 150 kW (204 PS), wie er unter anderem aus dem ID 3 bekannt ist. Später werden Varianten hinzukommen, mit größeren und kleineren Akkus und in diversen Leistungsstufen; auch eine GTX-Version mit rund 220 kW( 300 PS) ist denkbar. Bei einer Länge von 471 Zentimetern, einer Höhe von 194 und einer Breite von 199 Zentimetern ist der ID Buzz stadttauglich und deutlich kürzer als der Volkswagen T7.

Der Wendekreis ist mit knapp über elf Metern erfreulich klein.Wie agil sich der ID Buzz bewegen lässt, davon konnten wir uns bei einer einstündigen Ausfahrt in und um Hamburg überzeugen. Leicht lässt sich der Bus in enge Straßen und Parklücken zirkeln, das Bedienkonzept entspricht weitgehend den Modellen ID 3 und ID 4 – mit einigen Verbesserungen. Beim Ampelstart zieht der Elektrobus flott von dannen, und auch auf der Autobahn hängt er gut am Fahrpedal – bis hin zur Höchstgeschwindigkeit, die 145 km/h präzise eingeregelt wird. Dabei bleibt er elektrotypisch so leise, dass er sich hervorragend als Reiseauto eignet, eingeschränkt nur durch die Reichweite, über die sich Volkswagen momentan noch ausschweigt.

Sie dürfte mit der mittleren Batterie – und bei sehr verhaltenem Fahrstil – bei rund 500 Kilometern liegen. Das Fahrwerk ist übrigens ungewöhnlich straff ausgelegt, sorgt damit für gute Straßenlage trotz fast zweieinhalb Tonnen Leergewicht. Die Grenzen der Diversität erreicht der ID Buzz erst beim Materialkonzept im Interieur. Denn es wird ihn lediglich mit Stoff- und Kunstledersitzen geben, Ledersitze sind passé. Und das, obwohl ein gut ausgestatteter Buzz locker die 60.000-Euro-Schwelle überschreiten dürfte. Es wird aber auch sehr viel günstiger gehen, ließen die VW-Experten bei diesem faszinierenden Fahrtermin bereits anklingen. (aum/Jens Meiners)


Elon Musk, der Zahlenjongleur

Von Harald Kaiser

Und wieder klatschen alle Beifall. Elon Musk, der Glamourboy der amerikanischen Wirtschaft und angeblich der reichste Mensch der Welt, hat für seinen Elektroautokonzern Tesla soeben den Jahresabschluss 2021 veröffentlicht. Die Anleger jubeln, die Presse sowieso.

Die Erlöse kletterten um 665 Prozent, wie Tesla nach US-Börsenschluss in Austin mitteilte. Im Detail sehen die Zahlen so aus: Gesamtumsatz: 53,7 Mrd. Dollar (47,2 Mrd. Auto/6,5 Mrd. sonstiger Umsatz), Betriebs-ausgaben:40,2 Mrd. Dollar, Rohertrag: ca. 13,5 Mrd. Dollar, Nettogewinn nach Steuern und Abschreibungen etc.: 5,5 Milliarden Dollar, Schulden Ende 2021: 19,7 Milliarden Dollar.

Tatsächlich also 5,5 Milliarden Gewinn aus dem reinen Autogeschäft? Klingt mal wieder super, wie fast alles, was Mister Musk so von sich gibt oder per Bilanz ausweist. Wer sich die Bilanz* jedoch genau anschaut, der bekommt Zweifel, dass der Gewinn tatsächlich aus dem Autobau und dem Autoverkauf kommt. Denn es ist nicht nur so, dass sich in den 5,5 Milliarden Dollar Gewinn auch 1,45 Milliarden Dollar Einnahmen stecken, die gar nichts mit dem Bau von Autos zu tun haben. Diese Betrag entspringt so genannten „regulatory credits“, mithin Einnahmen, die aus dem Verkauf von Verschmutzungsrechten an Konkurrenten resultieren, die keine oder wenig Elektroautos im Angebot haben. Diese „credits“ werden vom US-Staat an jene Hersteller verschenkt, die ausschließlich Elektroautos verkaufen oder ein gemischtes Modellprogramm anbieten.

Wer keine oder zu wenig abgasfreie Autos im Angebot hat, muss an den Staat teils saftige Verschmutzungsstrafen blechen. Und da es nach den US-Regeln legal ist, diese „credits“ an Konkurrenten zu verkaufen, macht Tesla genau dies – freilich auch, um die eigene Bilanz aufzuhübschen. Und die Hersteller, die vor allem Stinker verkaufen, sind dankbar dafür, dass es diese Möglichkeit gibt, weil sie dadurch ihre Strafzahlungen reduzieren können.

„Einnahmen“, die noch gar nicht eingenommen sind

Musk, das Schlitzohr, geht in seinem Zahlenwerk für das Geschäftsjahr 2021 bei einem anderen Punkt noch einen Schritt weiter: Er führt dort unter „assets“ (Vermögenswerte) auch Einnahmen auf, die noch gar nicht in der Kasse klimpern. Das Stichwort dafür heißt „accounts receivable“, also „erwartete Einnahmen“. Und die summieren sich in der Bilanz 2021 von Quartal zu Quartal auf – man glaubt es kaum – 7,9 Milliarden Dollar. Theoretisch könne man sagen: Eigentlich müssten diese Zahlen einen Unternehmer um den Schlaf bringen, denn es ist ein Bilanzposten, der im darauf folgenden Geschäftsjahr womöglich gar nicht als echte Einnahme realisiert werden kann, weil der oder die Schuldner eventuell zahlungsunfähig geworden sind.

Dennoch ist es nach der US-Rechnungslegung legal, solche „Erträge“ zu bilanzieren, sonst würde es Tesla nicht tun. Übrigens nach deutschem Bilanzierungsrecht auch. Es handelt sich dabei um so genannte „zeitliche Abgrenzungsposten“. Damit ist gemeint, dass solche Erträge fürs laufende Geschäftsjahr zwar verbucht werden dürfen, aber erst im Jahr darauf als echte Einnahmen anfallen. Aber vielleicht auch nicht.  Es lebe der Unterschied der Begrifflichkeiten zwischen „Ertrag“ und tatsächlicher „Einnahme“.

Software-Probleme führen zum Ausfall eines Warntons

Aber kann man angesichts dieser Augenpulver-Zahlen tatsächlich Beifall klatschen, dass es Tesla allen Erz-Konkurrenten mal wieder gezeigt hat? Und die Frage ist vor allem, ist Tesla nach einem Jahrzehnt der roten Zahlen nun tatsächlich profitabel im Geschäft Auto gegen Geld? Die Musk-Gläubigen, die an den Lippen des Zahlenjongleurs hängen, sind offenbar komplett kritiklos, kau-fen weiter wie wild Aktien und setzten darauf, dass es der große Macher schon richten wird. Dabei läuft bei den Automodellen des Konzerns längst nicht alles rund. Das Handelsblatt** berichtet dazu jüngst: „US-Elektroautobauer Tesla muss wegen Sicherheitsrisiken mehrere zehntausend Fahrzeuge in die Werkstätten zurückrufen. Betroffen seien insgesamt 53.822 Autos mit einer Software, die sogenannte ,rollende Stopps` ermögliche und an Kreuzungen nicht vollständig den Wagen stoppen, teilte die US-Sicherheitsbehörde NHTSA mit. Im Dezember hatte die NHTSA eine vorläufige Untersuchung der Tesla-Modelle 3, S, X und Y der Baujahre 2017 bis 2022 eröffnet. Hintergrund war hier die Funktion ,Passenger Play´, die nach Ansicht der Behörde den Fahrer ablenken und das Risiko eines Unfalls erhöhen kann. In der letzten Woche hatte die NHTSA mitgeteilt, im Rahmen einer Untersuchung von 580.000 Fahrzeugen zusätzliche Informationen von Tesla angefordert zu haben, da der Autohersteller nun Fahrgästen das Spielen von Games auf dem Touchscreen in der Mitte des Autos ermögliche. Bereits im August hatte die NHTSA eine formelle Sicherheitsuntersuchung des Autopiloten von Tesla in 765.000 US-Fahrzeugen eingeleitet. Zuvor war es zu rund einem Dutzend Unfällen gekommen, an denen Tesla-Modelle beteiligt waren. Diese Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen.“

Anfang Februar schließlich wurde auch bekannt, dass Tesla mit einem Software-Update Mängel beim Sicherheitsgurt-Alarm zahlreicher Modelle in den USA beheben muss. Betroffen sind 817.143 Fahrzeuge der Baureihen S, X, 3 und Y mit Modelljahrgängen von 2017 bis 2022. Das geht aus Dokumenten hervor, die die NHTSA am 3. Februar auf ihrer Internetseite veröffentlichte. Demnach kann ein Software-Problem zum Ausfall eines Warntons führen, der den Fahrer beim Start des Autos darauf aufmerksam machen soll, dass einer oder mehrere nicht angeschnallt sind. Unfälle im Zusammenhang mit dem Defekt seien bislang aber nicht bekannt.


Die Currywurst als Volkswagen-Originalteil: Scharf, knackig und kultig

Bei Volkswagen geht die Verbundenheit der Angestellten mit der Firma durch den Magen. Auch als Volkswagen-Ersatzteil.

Von Harald Kaiser

Wer einen Servicemitarbeiter seiner VW-Vertragswerkstatt mal foppen will, dem sei folgendes geraten: Schieben Sie ihm oder ihr einen Zettel rüber, auf dem die Nummer „199 398 500 A“ notiert ist und sagen Sie: „Ich hätte gern dieses Originalteil.“ Sobald die Nummer in den Computer eingetippt und die Entertaste gedrückt wurde, lässt sich sogleich beobachten, wie sich Verblüffung und Ratlosigkeit im Gesicht des VW-Menschen breit macht. Vermutlich wird der Kunde zu hören bekommen: „Äääh, … das Teil haben wir nicht. Was soll das denn sein?“ Antwort: „Die berühmte VW-Currywurst natürlich!“ Denn die hat tatsächlich jene eigene Teilenummer.

Kann aber nicht klappen, denn die Kultwurst gibt es nur in den Werkskantinen des Konzerns. In der des Markenhochhauses in Wolfsburg allerdings seit August 2021 nicht mehr, weil die Kantinenleitung meinte, sich dem politischen Zeitgeist mit vegetarischer und veganer Kost anpassen zu müssen. Also wurde die Wurst aus dem Angebot gestrichen. Daraus entwickelte sich eine hübsche Posse. Altkanzler Gerhard Schröder zum Beispiel, einst Ministerpräsident in Niedersachsen und damit auch Aufsichtsratsmitglied bei Volkswagen, moserte sofort über den Internetkanal LinkedIn genau so deftig wie die Currywurst schmeckt: „Wenn ich noch im Aufsichtsrat von VW säße, hätte es so etwas nicht gegeben.“ Für ihn ist die Wurst nicht nur eine Wurst, sondern der „Kraftriegel der Facharbeiterin und des Facharbeiters in der Produktion“. Schröder auch gleich via Internet eine Aktion gegen diese Entscheidung gestartet: „#RettetdieCurrywurst.

Die Kultwurst ist gefragt wie nie

Nils Potthast, der Leiter der VW-Gastronomie, fühlte sich nun Ende Januar durch das von Schröder ausgelöste Geschwurbel im Netz zur Wurstfrage zu einem Konter animiert. Über die Deutsche Presseagentur teilte er mit: „Es geht nicht gegen die Currywurst, die nach wie vor in allen anderen Kantinen des Werkes angeboten wird“. Es gehe einfach um mehr schmackhafte Alternativen. Die rund 150 Rezepte sollen dort ohne Fleisch auskommen. Nur hin und wieder werde Fisch zum Angebot gehören. Und überdies: Auch ohne den Kantinen-Klassiker sei das Speisenangebot teilweise noch vor Betriebsschluss vergriffen gewesen. Klar auch, dass Potthast folgenden Satz schon allein aus innenpolitischen Gründen sagen musste: Die Alternativen … würden toll angenommen. Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Küche stehen ihm zufolge zu 100 Prozent hinter dem Konzept. Und weil es dem Zeitgeist entspricht ist im gleichen Atemzug natürlich auch von Nachhaltigkeit die Rede und davon, dass weniger Fleischverzehr pro Woche auch der Umwelt helfe.

Genormt aus der Autofabrik

Besagte Kultwurst gilt als das erfolgreichste VW-Originalteil. Allein im Vor-Corona-Jahr 2019 wurden rund sieben Millionen Currywürste aus der Volkswagenfleische-rei angeliefert. Hinzu kamen mehr als 550 Tonnen Ketchup, wie ein Sprecher sagte.

Auch außerhalb der Werksgrenzen machte sie Furore. Etwa auf den Automobil-Messen in Shanghai, Detroit, Frankfurt oder Genf sowie bei Fußballspielen des VfL Wolfsburg gehört die Volkswagen Currywurst zumeist zur Standardversorgung der Gäste. Sogar eigene Porzellanschälchen – sie sind den typischen weißen Pappschalen einer Imbissbude nachempfunden – wurden für diese Volkswagen-Spezialität entwickelt. Gottseidank gibt es sie nur einen Katzensprung vom Markenhochhaus entfernt in der großen Kantine auf der anderen Straßenseite immer noch.

Eine Wurst mit langer Tradition

Die 25 Zentimeter lange Wurst wird im Werk selbst hergestellt. Das Automagazin „auto motor und sport“ berichtete dazu 2012: „Bereits 1950 wurstelten betriebs-eigene Fleischer. In der Nachkriegszeit musste sich ein Unternehmen … um die angemessene Versorgung seiner Arbeiter kümmern. Sogar eigene Bauernhöfe unterhielt VW einst. Geblieben ist davon die Fleischerei. … Ob Krakauer, Fleisch-käse, Bouillon- oder Fleischwurst: Vieles von dem, was in den VW-Kantinen auf den Tisch kommt, stammt aus der eigenen Küche.“ Erstmals kam die Currywurst 1973 auf die Kantinenteller. Sie ist eine Eigenkreation, bestehend aus regionalem Schweinefleisch. In ihr sind ausschließlich Schulterstücke ohne Fett, ohne Eisbein und ohne Sehnen verarbeitet. Ruhrpottbarde Herbert Grönemeyer jubelte sie in den 80er-Jahren mit seinem Kulthit „Kommste vonne Schicht, wat schönret gibt et nich als wie Currywurst“ sogar in den Schlagerhimmel. Dass der Song ursprüng-lich eine Hommage an die wurstige Leibspeise der Kohlekumpel im Ruhrgebiet war, macht das VW-Exemplar nicht weniger genießbar.

Wie bei Coca Cola mit der Brause-Rezeptur gibt es auch bei VW ein Betriebsge-heimnis: Es betrifft die Gewürzmischung der Sauce, deren Zusammensetzung nur ganz wenige Mitarbeiter kennen. 2019 kam es durch den Wechsel des Saucen-Lieferanten von Kraft zu Develey aus Unterhaching sogar zu einer Art Ketchup-Gate. Die Chili-Schärfe brenne nicht mehr im Rachen, sondern auf der Zunge, monierten seinerzeit einige Gaumenfreunde. Es sei, erläuterte der Konzern damals, „unwahrscheinlich kompliziert, einen passenden Ketchup zu produzieren, der genauso schmecke wie der vorherige. Inzwischen gibt es offenbar keine Klagen mehr.

Zu einer Art Ersatzteil wird sie schließlich, sobald sie in eine durchsichtige Plastik-hülle mit der Aufschrift „Volkswagen Originalteil“ eingeschweißt worden ist. Blieb sie einst nur Werksangehörigen vorbehalten, wird sie inzwischen auch außerhalb verkauft. Etwa als kürzere Variante mit 17 Zentimetern Länge im Stadion des VfL Wolfsburg oder in einigen Edeka-Märkten im Norden der Republik. Und seit Sommer 2021 bieten die VW-Betriebsrestaurants sogar einen Spezialservice für VW-Mitarbeiter im Homeoffice an: Im Umkreis von 15 Kilometern um das Stammwerk am Mittellandkanal liefert die Kantine nun die legendäre Currywurst sowie weitere Produkte auch nach Hause.