Der Polo GTI ist nicht mehr der kleine Bruder des Golf GTI

Als 1976 der erste Golf GTI die Straßen eroberte, erschienen 110 PS als wahnwitzige Übermotorisierung, die mindestens eine Rennlizenz erforderlich machen müsste. Wir haben uns schnell daran gewöhnt, dass gut motorisierte Kompaktfahrzeuge nicht nur Spaß machen, sondern bei aller Kraftmeierei dank exzellenter Fahrwerke auch beherrschbar sind. Die Fahrwerkstechnik ist nicht mehr mit der aus den Siebzigern vergleichbar und längst hoher Motorleistung angepasst.

Bildschirmfoto 2015-10-02 um 11.21.17Der Golf GTI war quasi eine Art Trainingsfahrzeug, so dass wir heute 192 PS im VW Polo zwar als sehr gut motorisiert bezeichnen können, uns aber nicht mehr der Terminus vom Wahnwitz in den Sinn kommt. Abgesehen davon, dass der Polo GTI mit einen Leergewicht von 1280 kg um unglaubliche 480 kg (!) schwerer ist als der erste Golf GTI kann der neue Polo GTI nicht mehr als der kleine Bruder des Golf GTI bezeichnet werden. GTI-Insignien sind auch hier nicht übersehbar: die roten Streifen am Kühler und im Innenraum.

Der Polo GTI von heute ist erwachsen, in jeder Beziehung ein vollwertiges Fahrzeug mit sehr sportlichen Genen und Eigenschaften. Kurz: Der Polo GTI hat das Format wahrer Größe in diesem Segment: Er fliegt mit bis zu 236 km/h über die Autobahn, spurtet in 6,7 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h. Das sehr gut abgestimmte Sportfahrwerk wirkt zwar auf schlechten Straßen ein wenig hart, andererseits ist dieser GTI nicht auf Komfort, sondern auf Sportlichkeit ausgerichtet.

Polo-Innenraum: rote Streifen signalisieren die GTI-Version

Polo-Innenraum: rote Streifen signalisieren die GTI-Version

Der Polo GTI fühlt sich auf allen Straßen wohl. Ob lange Autobahnfahrt oder kurvige Landstraße, auf der er seine Fahrwerksqualitäten ausspielt: Das bei frontgetriebenen Fahrzeugen oft in Kurven zu spürende Zerren an den Vorderrädern tritt hier nicht störend in Erscheinung. Wir fuhren den Polo mit DSG-Getriebe, das durch blitzschnelle Schaltvorgänge angenehm auffällt, die man auch manuell an den Lenkrad-Paddels einleiten kann. Allerdings musste beim DSG das Drehmoment des Motors etwas gedrosselt werden, was der Fahrfreude und dem Temperament keinen Abbruch tut. Die elektromechanische Lenkung agiert überaus präzise, das Fahrzeug lässt sich auch im Grenzbereich exakt dirigieren. Drückt man auf die Sporttaste des „Sport Select“-Fahrwerks (285 Euro), wird die Lenkung direkter, die Dämpfer werden noch straffer, das DSG-Getriebe geht in den S-Modus und die Gasannahme wird spontaner.

Die Verbrauchswerte werden mit 7,6 Litern innerstädtisch und kombiniert mit 6,0 Litern angegeben. Tatsächlich war es bei vorausschauender Fahrweise ohne Erreichen der Höchstgeschwindigkeit möglich, mit einem Schnitt von 7,5 Litern auf 100 km auszukommen. Es gilt die alte Verbrauchs-Weisheit, dass schnelles Fahren D-Zug-Zuschlag kostet. Aber auch bei schneller Autobahnfahrt über eine längere Strecke kamen wir nicht über 8,8 Liter hinaus. Angesichts der Fahrleistungen ist der Verbrauch also absolut akzeptabel.

Der Innenraum macht einen sehr hochwertigen Eindruck. Tatsächlich fühlt sich nichts billig an, das Design ist ergonomisch auf den Fahrer ausgerichtet und erscheint bei aller Sportlichkeit durchaus auch gediegen. Die Materialien wirken robust und langlebig. Die roten Ziernähte entlang den Sportsitzen erinnern unaufdringlich daran, dass man in einem GTI sitzt. So muss es sein.

Ein dicker Minuspunkt ist die Verkehrszeichen-Erkennung, die keine ist. Tempo-Begrenzungen werden zwar angezeigt, aber sie sind im Navigationssystem programmiert. Und das muss nicht mit der aktuellen Straßensituation übereinstimmen. So fuhren wir auf einem vorübergehend auf 80 km/h limitierten Autobahnstück, im Navigationssystem wurde aber das Verkehrszeichen mit 120 km/h angezeigt. Eine Verkehrszeichenanzeige ohne Kamera-Erfassung ist völlig sinnlos und verwirrend. Dann lieber keine solche Anzeige.

Der Basispreis von 23.750 Euro für die Version mit dem 7-Gang-Doppelkupp- lungs-Getriebe (6-Gang-Handschalter ab 22.275 Euro) erscheint angemessen, wenn man den Fahrspaß mit in Betracht zieht. Der ist es wert. Die Aufpreisliste ist überraschend kurz, weil zahlreiche „Extras“ im Grundpreis enthalten sind. Zum Beispiel die Leichtmetallräder, rot lackierte Bremssättel, der doppelte Gepäckraumboden, das Handschuhfach mit Kühlung, die beheizbaren Vordersitze, das Abbiegelicht, die Klimaanlage etc. Aufpreispflichtig, aber empfehlenswert sind z.B. die Rückfahrkamera (280 Euro), das Fahrkomfortpaket mit Geschwindigkeitsregelung (255 Euro), die LED-Scheinwerfer mit LED-Tagfahrlicht (985 Euro).

VW Polo GTI – Technische Daten: Fünfsitziger drei- oder fünftüriger Kleinwagen, Länge: 3,98 Meter, Breite: 1,68 Meter (1,90 Meter mit ausgeklappten Außenspiegeln), Höhe: 1,44 Meter, Radstand: 2,47 Meter, Kofferraumvolumen: 204 – 882 Liter, 1,8-Liter-TSI, 141 kW/192 PS, max. Drehmoment: 250 Nm bei 1.250 – 5.300 U/min, Siebengang-DSG, 0-100 km/h: 6,7 s, Höchstgeschwindigkeit: 236 km/h, Verbrauch NFZ: 5,6 l/100 km, CO2-Ausstoß: 129 g/km, Effizienzklasse: C, Abgasnorm Euro 6, Preis ab 23.750 Euro

Kommentar hinterlassen zu "Der Polo GTI ist nicht mehr der kleine Bruder des Golf GTI"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Translate »