Der neue BMW 7er: Wo bleiben der Design-Sprung und die echten Innovationen?

Der neue 7er verzichtet auf den großen Design-Sprung. Fotocredit: bimmertoday.de

Eigentlich sollte der neue Siebener auf der IAA im September erstmals das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Der Druck vieler Erlkönig-Fotos und die erfolgreiche Mercedes-S-Klasse haben dann BMW veranlasst, schon am 10. Juni in der BMW-Welt in München statisch das Tuch vom neuen Modell zu ziehen.

Dass die Fotos nun noch früher in die Öffentlichkeit gelangt sind, ist wohl einem Kommunikations-Unfall geschuldet. BMW Österreich hat offensichtlich versehentlich zu früh auf „veröffentlichen“ gedrückt. Über Bimmertoday.de (die wohl am besten informierte BMW-Insider-Website) sind die Bilder und Informationen dann über zahlreiche online-Portale in die Welt gekommen.

Wenn man sich die Informationen genau anschaut, die nach offiziellem Prospekt-Text klingen, dann könnte der neue 7er für viele eine Enttäuschung werden. Wenn bei der offiziellen Vorstellung im Herbst nicht noch mehr nachkommt, ist aus dem von BMW-Fans erwarteten großen Sprung in die Zukunft ein ziemlich kleines Sprüngle geworden. Ganz besonders enttäuschend für jene, die sich an die wirklich innovative Studie „Vision Future Luxury“ erinnern, in der jeder den künftigen Siebener erkennen sollte. Warum ist BMW davon dann doch abgewichen? Diese Studie hätte den neuen Siebener perfekt gekleidet. Irgendjemand hat da wohl den Sprung in die Zukunft gebremst.

In Sachen Design war der umstrittene, aber sehr erfolgreiche Bangle-Siebener um Lichtjahre mutiger. Nebenbei: Der wurde zwar von Bangle verantwortet, geformt hat ihn aber der heutige Chefdesigner Adrian van Hoydonk.

Steckt den Entscheidern bei BMW dieser wunde Punkt noch immer in den Knochen? Schade, dass BMW sichtlich der Design-Mut verlassen hat – jedenfalls beim neuen Siebener.

Beim oberflächlichen Hinschauen könnte der als besseres Facelift wahrgenommen werden. Gewiss ist das böse übertrieben, aber es würde mich nicht wundern, wenn der neue Siebener auf der Straße nicht besonders auffällt. Wenn man die getarnten Fahrzeuge in München herumfahren sah, konnte man schon erkennen, dass es ein Siebener ist. Erkennbar war bereits da, dass dies kein Auto aus der Zukunft ist.  Was bei einem VW Golf die goldene Regel ist und sein muss, nämlich keine großen Design-Änderungen zu machen, verdient bei einer Design-Marke, die BMW zweifellos sein will und immer noch ist, eigentlich ein „ungenügend“. BMW hatte mit der Design-Studie Vision Future Luxury auf den künftigen Siebener neugierig gemacht. Der Sprung von der Studie in die Realität ist leider ernüchternd.

Mir ist unverständlich, wie die sonst so kritische Redaktion von auto motor und sport jubeln kann, dass die 130 eingesparten Kilo, Gestensteuerung, autonomes Garagenparken und vorausschauende adaptive Fahrwerksregelung ein „schwerer Brocken“ für die Konkurrenz sein soll. Wettbewerber haben solche Systeme schon im Markt und zum Teil noch mehr Gewicht „abgenommen“.

ams erinnert zu Recht an das anfangs im Siebener ebenso kritisierte iDrive-System, das dann von Wettbewerbern adaptiert übernommen wurde. Ja, das waren noch Innovationssprünge, die zwar auch polarisierten, aber ebenso beeindruckten wie das weltweit erste Navigationssystem in einem BMW Siebener 1994. Damals war der Innovations-Treiber Wolfgang Reitzle Entwicklungschef bei BMW, ein Visionär, der zwar manchmal über machbare Ziele hinausgeschossen ist, sie aber nie aus den Augen verloren und dann irgendwann doch umgesetzt hat. Seine Mannschaft hat er mit seiner Vorstellung von Fortschritt nicht nur einmal in den Wahnsinn getrieben, am Ende war das Ergebnis aber fundamental innovativ.

Wenn der künftige Siebener allein in eine enge Parklücke zwischen zwei Fahrzeugen oder in eine enge Garage einparken kann, ist das ebenso wenig ein Alleinstellungsmerkmal wie der Touchscreen oder die Gestensteuerung. Das „multifunktionale Instrumentendisplay“ ist meilenweit entfernt von einem „virtual Cockpit“ in einem Audi. „Mut zur Erneuerung – den kann man BMW ganz gewiss nicht absprechen“, schmeichelt ams. Für den künftigen Siebener schon.

Hier zeigt sich auch das Problem einer starken Marke: Die Kundschaft und die Medienvertreter sind eben verwöhnt. Auch von BMW. Bei einer Marke wie Dacia würde man gar nicht erwarten, dass sie bei einem neuen Modell Sensationelles präsentiert. Was bei der einen Marke sensationell wäre, ist bei BMW das Pflichtprogramm, aber nicht die zu erwartende und notwendige Kür.

Selbst wenn der Siebener voller technologischer Innovationen mit Alleinstellungsmerkmal stecken würde: Das Design der Außenhaut müsste dies auf den ersten Blick vermitteln, die Technologie und ein großes Stück Zukunft wahrnehmbar machen. Das ist leider nicht der Fall. Ganz bestimmt wird man das auch bei BMW schnell feststellen – und schon bald ein Facelift nachlegen (müssen).

Die interne Diskussion hat bereits begonnen.

Der neue 7er verzichtet auf den großen Design-Sprung. Fotocredit: bimmertoday.de

Der neue 7er verzichtet auf den großen Design-Sprung. Fotocredit: bimmertoday.de

Peter Groschupf

 

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