Diess und das

Herbert Diess (left), CEO of the Volkswagen Group.

Tempo, Tempo! Wie stark Volkswagen inzwischen unter Strom steht und wie VW-Konzernchef Herbert Diess seine Entwickler unter Druck setzt.

Von Harald Kaiser

Das ist mal eine Ansage: Bei VW wird es in Zukunft auf Knopfdruck mehr Power für die Elektromodelle geben. Und zwar online, denn natürlich wird der VW der nahen Zukunft immer drahtlos mit dem Kundencenter verbunden sein. Das sagte Vorstand Klaus Zellmer, 54, seit 2020 in Wolfsburg zuständig für Vertrieb, Marketing und After Sales der Marke Volkswagen, dem Online-Magazin* (6/21) der Porsche Consulting GmbH. Dazu passt, dass der Volkswagen-Konzern im vierten Quartal 2020 erstmals mehr Elektroautos verkauft hat als Tesla. Das geht aus dem Automotive-Electrification-Index der Unternehmensberatung AlixPartners hervor. Die Marken des VW-Konzerns setzten demnach in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres 192.000 Elektroautos ab. Tesla kam im gleichen Zeitraum auf 181.000 Verkäufe.

Dennoch ist Tesla ein permanentes Thema in Wolfsburg. So nahm der Tesla-Chef Elon Musk kürzlich per Video-Chat sogar an einem Treffen** der 200 obersten VW-Manager teil. Gebauchpinselt von der Ehre, dem ärgsten Konkurrenten wäh-renddessen sozusagen in die Töpfe schauen zu dürfen, gab er der VW-Führungs-riege unter anderem Ratschläge zu Lieferketten und der Fahrzeugproduktion. Auf dem Treffen lobte VW-Konzernchef Herbert Diess laut Handelsblatt den Konkurrenten Musk gleichermaßen wie er seine Entwickler damit unverholen rüffelte. Er sagte: „Ein Beispiel für die Geschwindigkeit von Tesla ist, wie sie mit der aktuellen Chip-Knappheit zurechtkommen. Das liegt vor allem daran, dass sie ihre eigene Software entwickeln und demnach verschiedene Chips verwenden können. Innerhalb von nur zwei bis drei Wochen hatte Tesla eine neue Software entwickelt, nachdem bekannt war, dass es Lieferengpässe geben wird.“ Mit anderen Worten: VW ist nicht so schnell.

Kurz nach diesem Stelldichein der Wichtigen bei VW riet Diess seinen 220.000 Followern auf dem Social-Media-Portal LinkedIn indirekt vom Kauf eines Verbrenn-erautos ab. Er sagte, einen Verbrenner zu fahren, koste im Vergleich zu einem Elektroauto bis zu 50 Prozent mehr. So sei ein VW Tiguan zum Beispiel pro Kilometer um 30 Prozent teurer als der elektrische VW ID.4, der Verbrenner-Audi Q5 koste 40 Prozent mehr als der Audi e-tron und ein Skoda Kodiaq schlage mit einem Aufschlag von 50 Prozent im Vergleich zum Elektro-Skoda Enyaq zu Buche.
Nachfolgend die interessantesten Passagen des Interviews aus dem Porsche Consulting Magazin, bei dem es generell um die Frage nach den Wünschen der Autofahrer von morgen ging. VW-Vertriebsvorstand Klaus Zellmer sagte:
„….ein Autokauf ist für die allermeisten Menschen immer noch eine emotionale Erfahrung – das lässt sich nicht einfach digitalisieren. Das haptische Erlebnis, das Anfassen und das Fahren spielen eine sehr große Rolle.“
„…95 Prozent der Interessenten starten heute auf unserer Website den Kaufpro-zess. Das zeigt die enorme Bedeutung eines exzellenten Online-Auftritts. Hier informieren sich fast alle Kunden darüber, wofür Volkswagen steht, welche Angebote wir und unsere Händler haben.“
„…Anders als früher wollen wir auch nach dem Kauf oder Leasing mit ihnen im Austausch bleiben….So könnten wir beispielsweise vor der Urlaubszeit den Travel Assist oder zusätzliche Batterie-Power für Langstrecken per Knopfdruck anbieten.“
„…Eine aktuelle Studie beleuchtet zum Beispiel … die Auswirkungen der Covid-
19-Pandemie. Das daraus folgende Social Distancing führt dazu, dass ein Teil der befragten Verbraucherinnen und Verbraucher den Kauf ihres nächsten Autos früher als geplant angehen möchte. Das gilt insbesondere für die jüngere Generation: Rund ein Drittel der 18- bis 34-Jährigen gibt das sogenannte Social Distancing als Hauptgrund für den nächsten geplanten Autokauf an. Bei den 35- bis 54-Jährigen liegt die Zahl bei 22 Prozent. Und wenn Sie nach der Antriebsart fragen und ob Elektromobilität eine Frage des Alters ist, dann sage ich: Nein, es ist eine Frage der Einstellung. Unseren ID.3 kaufen beispielsweise auch viele der ‚Generation Golf‘.“ „…Bei der Angebotsstruktur wird Volkswagen die Komplexität deutlich redu-zieren. Künftige Fahrzeuggenerationen werden mit erheblich weniger Varianten produziert. Die individuelle Konfiguration wird nicht mehr über die Hardware beim Kauf festgelegt. Das Auto hat quasi alles bereits an Bord und der Kunde kann gewünschte Funktionen jederzeit on demand … im Auto hinzubuchen. Die Komplexität in der Fertigung nimmt dadurch deutlich ab.“
„…All das, was sich Volkswagen für die Zukunft vorgenommen hat, wird im Jahr 2026 erstmals in einem Fahrzeug für die Kunden erlebbar. In unserem Projekt ‚Trinity‘ fließen alle Faktoren zusammen. Das Fahrzeug wird in dreifacher Hinsicht neue Standards setzen: technologisch, beim Geschäftsmodell 2.0 und bei neuen Produktionsansätzen. Trinity wird von Beginn an automatisiertes Fahren mit Level 2+ ermöglichen und perspektivisch Level 4 (von 5). Es wird unseren Kunden Zeit schenken und Stress ersparen. Mit heute rund sechs Millionen verkauften Fahr-zeugen pro Jahr bringen wir als Volkswagen die nötigen Volumina mit, um das in der Entwicklung anspruchsvolle autonome Fahren zu skalieren und weltweit auszurollen. So machen wir es für viele Menschen erreichbar und bezahlbar. Dazu werden wir, beginnend mit Trinity, ab 2026 federführend im Konzern über die vollvernetzte Fahrzeugflotte hinweg ein neuronales Netz aufbauen. Darüber hinaus werden Fahrzeuge künftig kontinuierlich Daten austauschen, etwa zur Verkehrsla-ge, Hindernissen oder Unfällen. Damit schafft Volkswagen ein selbstlernendes System mit Millionen Fahrzeugen, von dem Kunden aller Konzernmarken profi-tieren werden.“

*https://magazine.porsche-consulting.com/interview-klaus-zellmer/

**https://www.msn.com/de-de/finanzen/top-stories/elon-musk-zu-gast-bei-vw-tesla-chef-gibt-diess-und-200-anderen-führungskräften-ratschläge-wie-man-lieferketten-optimiert/ar-AAPGuWI

 

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