Ferdinand Pi

VW-Skandal eskaliert: „Jetzt geht die Schlammschlacht richtig los“

Nun heißt es bei Volkswagen jeder gegen jeden. Ferdinand Piëch gegen den VW-Aufsichtsrat, Aufsichtsrat gegen Ferdinand Piëch. Und alle gegen Ex-Chef Winterkorn. Ein Ende ist nicht abzusehen, eine dramatische Eskalation zu erwarten, an deren Ende eine Art Supernova droht, die das ganze Unternehmen zerreißen könnte.

Ferdinand Piëch, einst gottähnlicher Macht-Anker im VW-Konzern, erst als VW-Chef, dann als Aufsichtsratsvorsitzender, soll in der Diesel-Affäre bei der Staatsanwaltschaft nicht nur Martin Winterkorn belastet haben, sondern auch Mitglieder des Aufsichtsrats. Er, Piëch, habe Anfang 2015 nicht nur bei Winterkorn die USA-Probleme angesprochen, sondern auch den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil und andere Aufsichtsräte darüber informiert. Piëch habe die Information von einem israelischen Sicherheitsunternehmen erhalten, dass VW in den USA Dieselabgase manipuliert habe.




War das der Grund für Piëchs „Distanz“-Angriff auf Winterkorn?

Sollte dies der Wahrheit entsprechen, der damalige Aufsichtsratsvorsitzende Weil vom Diesel-Betrug gewusst haben, stünden ab sofort neben Weil auch maßgebliche VW-Aufsichtsräte bei den US-Behörden und der deutschen Staatsanwaltschaft unter Betrugsverdacht. Und in der Gefahr, in den USA verhaftet zu werden. „Jetzt geht die Schlammschlacht richtig los“, war gestern (8.2.) Abend in Wolfsburg zu hören. „Für uns Mitarbeiter ist die Situation nicht mehr auszuhalten, weil jeden Tag etwas Neues auf den Tisch kommt. Wenn nun auch der Aufsichtsrat und der Betriebsratsvorsitzende vom Dieselbetrug gewusst haben, fliegt der ganze Laden in die Luft.“ Ein VW-Manager sagt: „Jetzt wird auch klar, warum Piëch im April 2015 auf Distanz zu Winterkorn gegangen war. Nicht wegen schlechter USA-Verkäufe, sondern wegen des Abgasbetrugs.“ Allerdings stelle sich dann auch die Frage, warum Piëch als damaliger Aufsichtsratsvorsitzender mit der Kenntnis vom Diesel-Betrug nicht eingegriffen hat.

Gestern Abend,19.30 Uhr. sah sich der Aufsichtsrat des VW-Konzerns zu einer Stellungnahme gezwungen: „Der Aufsichtsrat der Volkswagen AG weist die von Ferdinand Piëch laut Medienberichten erhobenen Behauptungen mit allem Nachdruck als falsch zurück.“

Aufsichtsrat prüft Maßnahmen gegen Piëch

Und weiter heißt es in der Erklärung: Eine ähnliche Darstellung, die sich neben dem ehemaligen Vorsitzenden des Vorstandes vor allem gegen eine Reihe aktueller wie ehemaliger Mitglieder des Aufsichtsratspräsidiums richtet, hatte Ferdinand Piëch im Frühjahr 2016 schon im Rahmen der internen, unabhängigen Untersuchungen gegeben. Diese Darstellung wurde im weiteren Verlauf durch die Kanzlei Jones Day eingehend und detailliert überprüft. Dabei haben sich keine Anhaltspunkte für die Richtigkeit dieser Behauptungen ergeben, sie wurden insgesamt als unglaubwürdig eingestuft. Auch haben sämtliche betroffene Mitglieder des Aufsichtsratspräsidiums unabhängig voneinander alle Behauptungen von Ferdinand Piëch klar und nachdrücklich als falsch zurückgewiesen.

Der Vorstand wird mögliche Maßnahmen und Ansprüche gegen Herrn Piëch sorgfältig prüfen. Im Übrigen wird sich der Konzern zu andauernden Untersuchungen nicht äußern.“

 

 


Das aktuelle Spiegel-Interview mit Hans Michel Piëch und Wolfgang Porsche liest sich wie aus dem Lehrbuch für floskelhafte Antworten

Dass Dietmar Hawranek zu den herausragenden Wirtschaftsjournalisten nicht nur beim Spiegel gezählt werden kann, ist wohl unumstritten. Die Gravitationswellen seines „Ich-bin-auf-Distanz-zu-Winterkorn“ Scoops lässt noch immer die Wände der Wolfsburg erzittern.

Mit diesem kommunikativen Urknall nahm seinen Anfang, was kurze Zeit später im Diesel-Skandal seine Fortsetzung fand. Und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Piëchs Distanz-Statement vielleicht auf dem Wissen um die risikobehafteten US-Themen basierte. Vielleicht war „der Alte“ einfach verärgert darüber, wie leichtfertig im VW-Management mit den kritischen Fragen der US-Behörden zu Abgaswerten und deren seltsamem Anstieg vom Prüfstand auf die Straße umgegangen wurde.

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Porsche-Aufsichtsratschef Dr. Wolfgang Porsche vor dem Elternhaus in Stuttgart Foto. Porsche AG

Erstmals hat nun Spiegel-Mann Hawranek zwei Vertreter der immer mal wieder feindlich gesinnten Familien zu einem gemeinsamen Interview bewegen können. Dass die Interview-Antworten kaum überraschend und stellenweise ziemlich dünn daher kommen, liegt nicht am immer wieder hartnäckig und hart nachfragenden Journalisten, sondern an den floskelhaften Antworten, die sich lesen wie mit zig Anwälten abgestimmt.

Die Schlussfolgerung des Spiegel mag dem Interview entsprechen, aber nicht der Wirklichkeit: „Das gemeinsame Gespräch, das Porsche und Piëch dem Spiegel in Salzburg geben, soll deshalb auch ein Signal sein: Es gibt keinen Riss in der Familie, wir steuern den Konzern gemeinsam durch die Krise.“

Die Antworten klingen stellenweise sehr banal,

obwohl der Spiegel hart nachfragt

Das mögen die Befragten ernst gemeint haben, ob Ferdinand Piëch dem zustimmen würde, darf bezweifelt werden. Aber die interviewten Familien-Mitglieder sind aus weicherem Holz geschnitzt als „der Alte“, der im Hintergrund ganz offensichtlich weiter Einfluss nimmt, um nicht zu sagen: die Fäden zieht. Allerdings zu Recht, denn er besitzt wesentliche Anteile am VW-Konzern. Wer wollte, sollte und könnte ihn da bremsen?

Im Interview geht es nach den ersten freundlich-banalen Lockerungsübungen dann stellenweise doch zur Sache. Dass die Diesel-Thematik aufgearbeitet werden müsse, klar, eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Dass wieder Vertrauen hergestellt werden müsse – ja, was denn sonst. „Wir sind anders“, als sein Bruder Ferdinand, erklärt sich Michel Piëch und meint, dass sie sich nicht in die operative Tagesarbeit einzumischen gedenken. „Unsere wichtigste Aufgabe ist es, die richtigen Personen für die Führung zu finden und sie dann ihre Arbeit erledigen zu lassen.“ Mit dieser noblen und gesellschaftsrechtlich angemessenen Haltung hat sich Bruder Ferdinand als leidenschaftlicher Ingenieur nie abfinden wollen.

Die Versuche, Antworten auf kritische Fragen zu bekommen, scheiterten

Der Spiegel fragt nach, warum nicht Ex-BMW und Linde-Manager Wolfgang Reitzle den Aufsichtsratsvorsitz bei VW übernommen hat, wie es Ferdinand Piëch gewünscht hat und man stattdessen den in der Diesel-Affäre nicht unbelasteten Hans Dieter Pötsch gewählt hat. Reitzle sei zwar ein exzellenter Ingenieur, „aber für einen starken Aufsichtsratsvorsitzenden des Volkswagen-Konzerns ist eine tiefe Kenntnis des Unternehmens eine wichtige Voraussetzung“, rechtfertigt Wolfgang Porsche die Entscheidung für Pötsch. Eine gute Gelegenheit für den Spiegel, hart nachzufragen: Pötsch könnte doch möglicherweise „in all die Dinge, die jetzt aufgeklärt werden, involviert“ gewesen sein. „Da ist es doch naheliegend, einen Mann von außen zu holen, der unbelastet ist.“ Michel Piëch weicht aus: „Wir haben großes Vertrauen in Herrn Pötsch.“

Noch einmal versucht es Hawranek: „Herr Pötsch muss entscheiden, ob wegen der Diesel-Affäre Schadenersatzansprüche gegen den Vorstand gestellt werden, dem er selbst angehörte. Das ist doch ein klassischer Interessenkonflikt.“ Wieder entzieht sich Piëch mit seiner Antwort der Wahrheit: „Es gibt diesen Konflikt nicht, da es sich um eine Entscheidung des gesamten Aufsichtsrats handelt. Solche Entscheidungen werden frei von Interessenkonflikten getroffen.“ Eine typische Antwort nach dem Motto, kann man glauben oder auch nicht.

Und noch einmal hakt der Spiegel nach: „Herr Pötsch war als Finanzvorstand zuständig für die Information der Börse. Es gibt Schadensersatzklagen, die VW vorwerfen, die Öffentlichkeit zu spät informiert zu haben. Als Aufsichtsratschef müsste Pötsch seine Arbeit als Finanzvorstand hinterfragen. Wie soll das gehen?“ Wolfgang Porsche lässt diese hochkritische und berechtigte Frage kurz angebunden abtropfen: „Der Volkswagen-Konzern hat dazu eine klare Rechtsposition, und wir stehen voll hinter Pötsch.“ Wie die Rechtsposition im Detail aussieht, lässt Porsche im Interview aber offen.

Dietmar Hawranek schenkte den Interviewten nichts

Nur bei der Boni-Frage räumt Wolfgang Porsche ein, dass es ihm lieber gewesen wäre, die Vorstände hätten darauf verzichtet. Die Verträge seien aber auf die Vergangenheit bezogen, deshalb hätten die Vorstände einen Anspruch auf Boni gehabt. Pötsch arbeite jetzt an einer neuen Regelung.

Das Interview streifte auch die Milliardenkosten des Diesel-Skandals. Die Situation sei zwar sehr ernst, aber zu bewältigen. Porsche räumt ein, dass die Deckungsbeiträge bei VW zu gering seien und die Marke profitabler werden müsse. Ob das der Betriebsratschef Osterloh auch so sehe, will der Spiegel wissen: „Herr Osterloh ist ein exzellenter Kenner des Unternehmens. Er sieht die betriebswirtschaftlichen Probleme und Herausforderungen. Ihm geht es um das Wohl des Unternehmens, so wie uns auch“, entwindet sich Michel Piëch dem Fragesteller diplomatisch.

Anders Wolfgang Porsche, der deutlicher wird: „ Natürlich tun sich der Betriebsrat und das Land Niedersachsen wie auch wir nicht leicht, wenn es um Arbeitsplätze geht. Man wird versuchen, das so verträglich wie möglich zu machen, mit Vorruhestand und anderen Maßnahmen. Aber es kann nicht so laufen wie vielleicht in der Vergangenheit, dass 3000 Menschen in den Vorruhestand geschickt und anschließend 3000 neue Mitarbeiter eingestellt werden.“

Schade, dass nicht auch Ferdinand Piëch interviewt worden ist.

 

 

 


„Sitzt Piëch wieder heimlich am Steuer?“ fragt Bild. Nein: unheimlich!

Wer geglaubt hatte, dass sich Ferdinand Piëch nun zurückzöge, weil Martin Winterkorn zurückgetreten und der VW-Aufsichtsratsvorsitz bei Hans Dieter Pötsch in guten Händen wäre, hat die Zielstrebigkeit von Ferdinand Piëch nicht verstanden. Und schon gar nicht begriffen.

Ja, er ist wieder da! Und er wird weiter da sein. Sich einmischen und seine Vorstellungen durchsetzen.

Die neueste Nachricht ist nur für diejenigen eine Überraschung, die Piëch unterschätzt haben: Pötsch wird Gewerkschaftsmann Bertold Huber nicht als Aufsichtsratsvorsitzenden ablösen.

Damit ist der Weg für einen Wunschkandidaten Piëchs frei, der als „Externer“ und als Autoexperte der Richtige wäre, bei VW die Kontrolle als Aufsichtsratschef zu übernehmen: Wolfgang Reitzle. Noch ist nicht klar, ob er überhaupt bereit dazu ist und ob die Hauptversammlung einen solchen Vorschlag mittragen würde. Für Wolfgang Porsche ist das eine herbe Niederlage, hatte er sich doch vehement für Pötsch eingesetzt.

Eines steht doch auch fest: Der VW-Aufsichtsrat in seiner jetzigen Konstellation hat nicht gerade bewiesen, die Entwicklungen wirklich zu kontrollieren. Weder fachlich noch politisch. Die jetzige Entwicklung ist auch dem Versagen der Kontrolleure anzulasten. Allerdings auch Ferdinand Piëch, der ja erst im Frühjahr zusammen mit seiner Frau aus dem Gremium zurückgetreten war. Es ist nicht zuletzt die auf zwei Alpha-Manager basierende Führungskultur bei VW gewesen, die den Abgas-Betrug möglich gemacht haben.

Als AR-Chef sei auch Rupert Stadler im Gespräch, ist gerüchteweise zu hören. Aber auch, dass Piëch eine externe Person bevorzugen würde, um das Signal eines Neuanfangs auch nach außen deutlich zu machen.

Fortsetzung folgt

 


Ist ein künftiger VW-Aufsichtsratsvorsitzender Hans Dieter Pötsch ein Kompromiss der Vernunft oder nur ein Burgfrieden auf Zeit?

Kompromisse sind Ferdinand Piëchs Sache noch nie gewesen. Wenn er sie eingegangen ist oder eingehen musste, dann war das selten endgültig. Kompromisse sind für Piëch temporäre Überbrückungshilfen, irgendwann doch noch ans eigene Ziel zu kommen.

Nun haben zwei Presseerklärungen für Aufsehen gesorgt, die von den meisten Medien als endgültige Entscheidungen wahrgenommen und verbreitet wurden. Die Erklärung der Porsche Automobil Holding SE formuliert sehr vorsichtig: „Anteilseigner-Vertreter im Aufsichtsrat der Porsche SE beabsichtigen, Hans Dieter Pötsch als Aufsichtsratsmitglied der Volkswagen AG vorzuschlagen.“ Es werde darüber hinaus „angestrebt“, ihn dort auch zum Vorsitzenden zu wählen.

Nahezu gleichzeitig äußert sich Volkswagen: „Das Präsidium und der Nominierungsausschuss des Aufsichtsrats der Volkswagen Aktiengesellschaft haben in ihrer heutigen Sitzung beschlossen, den Vorschlag der Anteilseigner-Vertreter im Aufsichtsrat der Porsche Automobil Holding SE, Hans Dieter Pötsch im Rahmen einer außerordentlichen Volkswagen-Hauptversammlung im November dieses Jahres zum Mitglied des Aufsichtsrats der Volkswagen AG zu wählen, zu unterstützen.“

Der stellvertretende Vorsitzende des VW-Aufsichtsrats Berthold Huber (es gibt aktuell keinen Vorsitzenden, der Ex-Gewerkschafs-Chef ist quasi kommissarischer Vorsitzender) wird so zitiert: „Wir sind sicher, dass mit Herrn Pötsch ein überzeugender Vorschlag für die künftige Position des Aufsichtsratsvorsitzenden gemacht wurde. Herr Pötsch zeichnet sich durch strategische Weitsicht, tiefe Kenntnisse der Automobilindustrie und große Expertise an den Finanzmärkten aus“, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsrates, Berthold Huber.

Wenn nun die FAZ am Sonntag schreibt, dass Piëch „noch einmal zurückgeschlagen“ habe „im Machtkampf um die Führung von Europas größtem Automobilkonzern“, weil so Martin Winterkorn als AR-Chef verhindert wurde, ist dies nur die halbe Wahrheit. Und wahrscheinlich noch lange nicht das Ende eines Machtkampfs, der in der deutschen Industriegeschichte einmalig ist.

War es wirklich Piëchs einziges Ziel, Martin Winterkorn als Volkswagen-Aufsichtsratsvorsitzenden zu verhindern, wie die FAZ am Sonntag mutmaßt? Und hat er nun sein Ziel erreicht? Die Antwort ist einfach: nein! Piëch wollte einen Automann an der Spitze des AR-Rats, keinen Finanzexperten. Piëch hat auch einen Namen genannt: Wolfgang Reitzle, der mit dem Herzen auch beim Gase-Hersteller Linde ein absoluter Automann geblieben ist und Management-Qualitäten bewiesen hat, indem er das eher provinzielle Wiesbadener Unternehmen für Gabelstapler und Kühltechnik zur globalen Nummer eins der Industrie-Gase-Hersteller gemacht hat. Der Stern nannte Reitzle einmal einen „BMW auf zwei Beinen“. Wo andere Benzin im Blut haben, habe Reitzle „Blut im Benzin“.

Reitzle und Porsche haben sogar eine gemeinsame Geschichte. Ende der Neunziger machte der Porsche-Clan Reitzle das Angebot, dort Chef zu werden. Die Verhandlungen, die von Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche geführt wurden, gipfelten in einem Angebot, das heute Milliarden schwer wäre: ein Porsche-Aktienpaket. Sowohl Wolfgang Porsche als auch Ferdinand Piëch lernten Reitzle als hoch kompetenten Automobil-Ingenieur kennen und fanden sich auch menschlich sehr sympathisch. Reitzle hätte das Angebot sehr gerne angenommen, BMW-Chef Eberhard von Kuenheim ließ ihn aber nicht aus seinem Vertrag.

Für Piëch ist Reitzle die Idealbesetzung an der AR-Spitze des VW-Konzerns. Daran hat sich, so ist auch nach der Nominierung Pötschs im Umfeld Piëchs zu hören, nichts geändert. „Wer im Automobilgeschäft vorne sein will, muss Leidenschaft fürs Automobil in sich tragen, dann erst kommen die Finanzen“, umschreibt ein Salzburg-Insider die Denke Piëchs. Dies gelte für den Vorstandsvorsitzenden ebenso wie für den Aufsichtsratschef eines Autokonzerns.

Auch Piëch selbst habe immer wieder „gegen jede finanzielle Vernunft bewiesen, dass automobile Richtungsentscheidungen Ingenieur-getrieben sein müssen“. Und weiter: „Pötsch ist vielleicht einer der besten Finanzexperten der Autoindustrie, aber sicher nicht der Mann mit Sinn für die Getriebeabstufung.“ Allerdings müsse die Frage erlaubt sein, „inwiefern automobiles Fachwissen nötig ist, um den VW-Aufsichtsrat zu führen“.

Die Wolfsburger Personalentscheidungen hätten aber auch eine gute hervorgebracht: „Dass Martin Winterkorn VW-Chef bleiben soll, ist zweifellos die beste Nachricht. Er bürgt wie kein anderer für automobile Qualität und technischen Fortschritt.“

Nicht wenige halten es auch jetzt noch für möglich, dass Wolfgang Reitzle „irgendwann“ in den VW-Aufsichtsrat einziehen könnte. Allerdings würde er dort nur einziehen wollen, wenn er AR-Vorsitzender würde. AR-Vorsitzender eines DAX-Konzerns ist er heute schon: beim Autozulieferer Continental. An Herausforderungen kann es Reitzle eigentlich nicht mangeln, denn er ist auch Partner bei der amerikanischen Investmentbank Perella Weinberg und sitzt im Aufsichtsrat bei Axel Springer und dem Weingroßhändler Hawesko. Darüber hinaus ist er Verwaltungsratschef beim Schweizer Zementhersteller LafargeHolcim.

Aber mitzuhelfen, Volkswagen zum größten Autokonzern der Welt zu machen, wäre ganz sicher eine Herausforderung, die Reitzle reizen würde.

 

 

 

 

 

 

 

 


Audi will Alfa Romeo kaufen – Verhandlungsergebnis soll unterschriftsreif sein

Eigentlich ist es mehr als ein Gerücht: dass Audi ernsthaft an Alfa Romeo interessiert ist und schon lange verhandelt wird. Fiat/Chrysler-Boss Sergio Marchionne hat zwar mantrahaft wiederholt, dass ein Verkauf der Traditionsmarke für ihn nicht in Frage komme, aber die Zeiten ändern sich.

Wie zu hören ist, soll sich Audi-Chef Rupert Stadler nicht nur für Alfa Romeo interessieren, sondern auch für die Fiat-Fabrik in Pomigliano nahe Neapel. Sollte Audi Alfa Romeo kaufen, so die Überlegungen in Ingolstadt, sollen hier künftig Alfas vom Band rollen.

Abwegig ist der Deal nicht. Im Gegenteil. Schon vor vielen Jahren hatte der starke Mann im Volkswagenkonzern, Ferdinand Piëch, Interesse an Alfa Romeo bekundet, war aber bei den Fiat-Eignern immer wieder freundlich abgeblitzt. „Die Tür wurde aber nie zugeschlagen“, sagt ein Insider heute. Ferdinand Piëch damalige Strategie könnte jetzt also doch noch aufgehen.

Stadler war Leiter des Generalsekretariats beim Vorstandsvorsitzenden des Volkswagen-Konzerns, eben Ferdinand Piëch, und später Leiter der Konzern-Produktplanung. „Er war ganz intensiv in die Überlegungen seines Chefs involviert und ist auch heute noch begeisterter Alfa-Fan. Dass diese intensiven Überlegungen zum Kauf von Alfa Romeo von damals auch noch heute in Stadlers Kopf kreisen, ist doch nur verständlich“, sagte mir der Manager einer anderen italienischen Firma im Audi-Reich. Audis Hang zu italienischen Produkten ist nicht neu. So gehören bekanntlich bereits Lamborghini und die Motorradmarke Ducati zum Ingolstädter Unternehmen. Letztere haben die Audianer den Mercedes-Benz-Strategen vor der Nase weggeschnappt, die gerade eine enge Zusammenarbeit zwischen Ducati und AMG begonnen hatten.

Gegen einen Kauf von Alfa Romeo steht das Wort von Konzernchef Martin Winterkorn, dass eine 13. Marke im Konzern „momentan“ nicht erwogen werde. Wie gesagt: Die Zeiten können sich ändern. Und so auch strategische Überlegungen. „Alfa Romeo würde perfekt ins Audi-Portfolio passen“, sagte mir ein dem Thema nahestehender Manager. Allerdings gebe es auch Bedenken, ob der Volkswagen-Konzern eine 13. Marke organisatorisch noch verkraften kann. „Es reicht nicht aus, nur die Marke Alfa zu lieben. Da muss alles stimmen: von der Koordination der Produktplanung im Gesamtkonzern bis hin zum Einkauf gemeinsamer Komponenten.“ Wie zu hören ist, werde daran bereits „intensivst“gearbeitet.

 

 


Piëchs Rücktritt aus dem Aufsichtsrat muss nicht endgültig sein

Die Nachricht hat eingeschlagen wie die sprichwörtliche Bombe. Der Rauchpilz dürfte noch lange über der Wolfsburg zu sehen sein. Die Nachricht vom Rücktritt der Piëchs aus dem Aufsichtsratsgremium ist die Nachricht des Tages, die auf einigen Sendern noch vor der Berichterstattung über das Erdbeben in Nepal übermittelt wurde. Ein Erdbeben hat auch die Volkswagen-Pressemitteilung ausgelöst, die für manchen Piëch-Kritiker Anlass zur Freude gab. Doch ob damit entschieden ist, wer im VW-Machtkampf gewonnen hat, bleibt dennoch offen.

Als ich in meinem letzten Kommentar (siehe unten) die Frage stellte, ob Piëch überhaupt zur Hauptversammlung am 5. Mai kommen werde, dachte ich nicht daran, dass er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr dem Aufsichtsrat angehören würde. Der schnelle Zickzack-Kurs der Fakten überrascht sicher auch jene, die sich in schillernden Spekulationen ergaben. Die Insider aus allen „gut unterrichteten Kreisen“ hatten wohl nicht bedacht, dass „der Alte“ und seine Frau Ursula selbst die Konsequenzen ziehen würden.

Es fällt deshalb nicht schwer, nun dennoch über eine weitere nicht weniger radikale Kehrtwende im Machtpoker nachzudenken.

Es fängt an mit der Frage, ob sich ein Ferdinand Piëch je so unter Druck setzen lassen würde, aufzugeben. Auch wenn das unmöglich erscheint, aber es kann so kommen, dass Piëch wieder an die Spitze des Aufsichtsrats gewählt wird. Die Familien Porsche und Piëch haben nun mal die Aktienmehrheit. Wenn es Piëch gelänge den Familien-Clan Porsche auf seine Seite zu ziehen (wenn er nicht längst dort ist) und auch das Emirat Katar überzeugen würde, könnte er wieder zum Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt oder besser: gekrönt werden. Piëchs Rücktritt muss nicht endgültig sein. „Die Wahl des künftigen Vorsitzenden des Volkswagen-Aufsichtsrats erfolgt auf Vorschlag der Kapitalseite“, heißt es richtig in der VW-Pressemitteilung. Die Kapitalseite ist nun aufgerufen, der Hauptversammlung einen Vorschlag zu machen. Und der könnte durchaus wieder auf Ferdinand Piëch hinauslaufen. Es ist noch lange nicht aller Tage Abend.

Gewiss scheint dieses Szenario unrealistisch. Aber vor kurzem ist auch ein Rücktritt Piëchs von den „Experten“ als völlig ausgeschlossen bezeichnet worden. Weitere Überraschungen können also überhaupt nicht ausgeschlossen werden. Wer jetzt Piëch zum Verlierer macht, Winterkorn zum strahlenden Sieger (er würde nie öffentlich triumphieren, sondern schlicht zur Tagesordnung übergehen), liegt genauso falsch oder richtig wie die Experten, die das Ende Winterkorns beschworen haben.

Ich bin mir nur in einem absolut sicher und kann folgendes voraussagen: Es wird weitere Überraschungen geben, die niemand auf dem Zettel hat.

 


Spekulationen um Andreas Renschler: Kann es sein, dass sich Ferdinand Piëch für das Engagement Bernd Pischetsrieders im Daimler-Aufsichtsrat revanchieren will?

Die Stuttgarter Zeitung will aus den sibyllinischen Äußerungen des VW-Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch in Stuttgart ein Angebot an Renschler herausgehört haben. Abwegig ist dies nicht. Auf die Frage, „womit haben Sie Renschler geködert?“ soll Piëch geantwortet haben: „Ich habe noch keinen Kommentar dazu, denn erst einmal muss der Aufsichtsrat etwas entscheiden.“ Nach einer Pause habe er dann noch ergänzt: „Hinterher können Sie sagen, die Besten ködern die Besten.“

Wie immer sind auch das Worte für die Ewigkeit.

Tatsächlich lässt sich hinter der Stirn des großen Aufsichtsratsvorsitzenden Vieles vermuten, aber kaum Klartext lesen. Wagen wir einmal folgende Spekulation: Ferdinand Piëch war ziemlich sauer, als  bekannt wurde, dass der von Piëch aus dem VW-Chefsessel hinaus komplimentierte Bernd Pischetsrieder in den Daimler-Aufsichtsrat einziehen soll. Eine so hoch angesiedelte Position wie ein Aufsichtsratsmandat bei Daimler hätte nicht an einen in den Augen Piëchs gescheiterten und wenig erfolgreichen CEO wie Pischetsrieder gehen dürfen. Immer wieder soll Piëch gesagt haben: „Der kann´s net.“ Außerdem könnte Pischetsrieder noch immer  VW-Langzeit-Wissen zum Wettbewerber Daimler tragen. Pischi war immerhin Chef des Volkswagen-Konzerns.

Zudem muss man daran erinnern, dass das Verhältnis Volkswagen zu Mercedes-Benz seit dem Erscheinen der A-Klasse sehr delikat, wenn nicht gespannt ist. „Die A-Klasse gegen den Golf zu stellen, ist eine Kriegserklärung gegen Volkswagen“, sagte mir einmal der inzwischen gestorbene Ex-Daimler-Chef Joachim Zahn. „Piëch wird sich immer daran erinnern, dass Daimler das ungeschriebenes Gesetz gebrochen hat, nicht nach unten in das Golf-Massengeschäft zu gehen.“ Zahn weiter: „Die erste Antwort auf die A-Klasse ist zweifellos der Phaeton als Angriff auf die S-Klasse. Piëch hat entschieden: Wenn Mercedes ins Golf-Segment geht, dann gehen wir in die Oberklasse“, interpretierte Zahn die Modellpolitik beider Unternehmen.

Ähnlich würde Zahn jetzt ein Angebot Volkswagens an einen Daimler-Vorstand werten. Als nachvollziehbare Revanche dafür, das Daimler den Ex-CEO Pischetsrieder in den Aufsichtsrat holen will. Auch wenn das noch nicht vollzogen ist: Die Daimler-Hauptversammlung im April wird zweifellos Pischetsrieder in den Aufsichtsrat berufen.

Dass Piëch noch sagt, „die Besten ködern die Besten“ impliziert auch noch das Gegenteil, nämlich dass die Schlechten die Schlechten ködern. Im Verständnis Piëchs sind weder Daimler noch Pischetsrieder gut. Immer wenn Piëch maliziös lächelnd subtil tief blicken lässt, zunächst unverständliche Sätze formuliert, dauert es, bis seine Zuhörer die Tiefe seiner Aussage erkennen. Piëch ist ein Meister darin, glasklar in Rätseln zu formulieren. Wer ihn kennt, versteht auf Anhieb. Wer ihn nicht kennt, bleibt beim Rätsel raten.

Aber eines ist auch klar: Ferdinand Piëch ist kein Spieler, der niedrigen Rachegelüsten nachhängt. Bei aller Freude am Revanchieren steht für ihn zweifellos immer sein Ziel im Mittelpunkt: Volkswagen zur Nummer eins auf der Welt zu machen. Er würde Renschler nicht holen, wenn er nicht überzeugt wäre, dass dieser ihm helfen kann, das Ziel zu erreichen.

 


Warum wurde Wolfgang Dürheimer bei Audi als Entwicklungschef abgelöst? Geht er wieder zu BMW?

Wolfgang Dürheimer

Wolfgang Dürheimer

Nein, es waren keine angeblichen Versäumnisse des Entwicklungsressorts, mangelndes Tempo oder gar verschlafene Innovationen, die Wolfgang Dürheimer den Job gekostet haben. Gerade mal zehn Monate im Amt hätte selbst der stets ungeduldig fordernde Ferdinand Piëch sicher ein paar Monate länger Geduld gehabt.

Wie mir aus einer sehr gut informierten Quelle aus Dürheimers Umfeld versichert wurde, habe sein „Vergehen“ vielmehr daraus bestanden, eigene Vorstellungen von der künftigen Audi-Entwicklungsarbeit innerhalb des Volkswagenkonzern zu haben. Dürheimer habe lediglich das gefordert, was auch Ferdinand Piëch seinerzeit gefordert habe, als er selbst Audi-Entwicklungschef war: konzeptionelle Unabhängigkeit von VW.

Dürheimer habe aber übersehen, dass der Kostendruck und der Zwang zu vielen Gleichteilen diese Unabhängigkeit unmöglich mache. Kurz: Er sei nicht an fehlenden Ideen oder an seinen Vorbehalten in Sachen Elektromobilität gescheitert, sondern daran, innerhalb eines Konzerns immer Rücksicht auf andere Marken nehmen zu müssen. Dass Dürheimer ein hervorragender Ingenieur ist, werde von niemandem bezweifelt. „Der kann es“, soll selbst Piëch immer wieder gesagt haben, als Dürheimer noch bei Porsche die Entwicklung leitete. Unter seiner Leitung enstanden unter anderem die Modelle Cayenne, Panamera und 918 Spyder und erfolgreiche Weiterentwicklungen des 911. Apropos Elektro-Skepsis: die teilt Dürheimer übrigens mit Ferdinand Piëch. Auch der hält sich mit jeglicher Euphorie zurück. Das einzige Elektromobil, das ihm Freude mache, sei sein Segway, sagte Piëch bei einer Preisverleihung. Das ist jenes Einachsfahrzeug, das computergesteuert die Balance hält und von jedem in kürzester Zeit beherrscht werden kann. Und an anderer Stelle formulierte er noch deutlicher: „Ich halte nichts vom reinen Elektroauto.“

Die Entscheidung, Ulrich Hackenberg nach Ingolstadt zu schicken, sei für alle Beteiligten ziemlich überraschend gekommen. Selbst für jene, die sie be- und getroffen haben. Wolfgang Dürheimer solle im Konzern gehalten werden und auch künftig einen „attraktiven Posten“ mit viel Entscheidungsverantwortung bekommen, hört man aus Konzernkreisen. „Dürheimer ist ein Top-Mann, auf den wir nicht verzichten wollen.“, sagt ein Insider. Gerüchte, dass Dürheimer wieder zu BMW wechseln könnte, wo er 1984 seine Karriere begonnen hatte und bis 1999 tätig war, seien „Hirngespinste“.