Das aktuelle Spiegel-Interview mit Hans Michel Piëch und Wolfgang Porsche liest sich wie aus dem Lehrbuch für floskelhafte Antworten

Dass Dietmar Hawranek zu den herausragenden Wirtschaftsjournalisten nicht nur beim Spiegel gezählt werden kann, ist wohl unumstritten. Die Gravitationswellen seines „Ich-bin-auf-Distanz-zu-Winterkorn“ Scoops lässt noch immer die Wände der Wolfsburg erzittern.

Mit diesem kommunikativen Urknall nahm seinen Anfang, was kurze Zeit später im Diesel-Skandal seine Fortsetzung fand. Und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Piëchs Distanz-Statement vielleicht auf dem Wissen um die risikobehafteten US-Themen basierte. Vielleicht war „der Alte“ einfach verärgert darüber, wie leichtfertig im VW-Management mit den kritischen Fragen der US-Behörden zu Abgaswerten und deren seltsamem Anstieg vom Prüfstand auf die Straße umgegangen wurde.

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Porsche-Aufsichtsratschef Dr. Wolfgang Porsche vor dem Elternhaus in Stuttgart Foto. Porsche AG

Erstmals hat nun Spiegel-Mann Hawranek zwei Vertreter der immer mal wieder feindlich gesinnten Familien zu einem gemeinsamen Interview bewegen können. Dass die Interview-Antworten kaum überraschend und stellenweise ziemlich dünn daher kommen, liegt nicht am immer wieder hartnäckig und hart nachfragenden Journalisten, sondern an den floskelhaften Antworten, die sich lesen wie mit zig Anwälten abgestimmt.

Die Schlussfolgerung des Spiegel mag dem Interview entsprechen, aber nicht der Wirklichkeit: „Das gemeinsame Gespräch, das Porsche und Piëch dem Spiegel in Salzburg geben, soll deshalb auch ein Signal sein: Es gibt keinen Riss in der Familie, wir steuern den Konzern gemeinsam durch die Krise.“

Die Antworten klingen stellenweise sehr banal,

obwohl der Spiegel hart nachfragt

Das mögen die Befragten ernst gemeint haben, ob Ferdinand Piëch dem zustimmen würde, darf bezweifelt werden. Aber die interviewten Familien-Mitglieder sind aus weicherem Holz geschnitzt als „der Alte“, der im Hintergrund ganz offensichtlich weiter Einfluss nimmt, um nicht zu sagen: die Fäden zieht. Allerdings zu Recht, denn er besitzt wesentliche Anteile am VW-Konzern. Wer wollte, sollte und könnte ihn da bremsen?

Im Interview geht es nach den ersten freundlich-banalen Lockerungsübungen dann stellenweise doch zur Sache. Dass die Diesel-Thematik aufgearbeitet werden müsse, klar, eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Dass wieder Vertrauen hergestellt werden müsse – ja, was denn sonst. „Wir sind anders“, als sein Bruder Ferdinand, erklärt sich Michel Piëch und meint, dass sie sich nicht in die operative Tagesarbeit einzumischen gedenken. „Unsere wichtigste Aufgabe ist es, die richtigen Personen für die Führung zu finden und sie dann ihre Arbeit erledigen zu lassen.“ Mit dieser noblen und gesellschaftsrechtlich angemessenen Haltung hat sich Bruder Ferdinand als leidenschaftlicher Ingenieur nie abfinden wollen.

Die Versuche, Antworten auf kritische Fragen zu bekommen, scheiterten

Der Spiegel fragt nach, warum nicht Ex-BMW und Linde-Manager Wolfgang Reitzle den Aufsichtsratsvorsitz bei VW übernommen hat, wie es Ferdinand Piëch gewünscht hat und man stattdessen den in der Diesel-Affäre nicht unbelasteten Hans Dieter Pötsch gewählt hat. Reitzle sei zwar ein exzellenter Ingenieur, „aber für einen starken Aufsichtsratsvorsitzenden des Volkswagen-Konzerns ist eine tiefe Kenntnis des Unternehmens eine wichtige Voraussetzung“, rechtfertigt Wolfgang Porsche die Entscheidung für Pötsch. Eine gute Gelegenheit für den Spiegel, hart nachzufragen: Pötsch könnte doch möglicherweise „in all die Dinge, die jetzt aufgeklärt werden, involviert“ gewesen sein. „Da ist es doch naheliegend, einen Mann von außen zu holen, der unbelastet ist.“ Michel Piëch weicht aus: „Wir haben großes Vertrauen in Herrn Pötsch.“

Noch einmal versucht es Hawranek: „Herr Pötsch muss entscheiden, ob wegen der Diesel-Affäre Schadenersatzansprüche gegen den Vorstand gestellt werden, dem er selbst angehörte. Das ist doch ein klassischer Interessenkonflikt.“ Wieder entzieht sich Piëch mit seiner Antwort der Wahrheit: „Es gibt diesen Konflikt nicht, da es sich um eine Entscheidung des gesamten Aufsichtsrats handelt. Solche Entscheidungen werden frei von Interessenkonflikten getroffen.“ Eine typische Antwort nach dem Motto, kann man glauben oder auch nicht.

Und noch einmal hakt der Spiegel nach: „Herr Pötsch war als Finanzvorstand zuständig für die Information der Börse. Es gibt Schadensersatzklagen, die VW vorwerfen, die Öffentlichkeit zu spät informiert zu haben. Als Aufsichtsratschef müsste Pötsch seine Arbeit als Finanzvorstand hinterfragen. Wie soll das gehen?“ Wolfgang Porsche lässt diese hochkritische und berechtigte Frage kurz angebunden abtropfen: „Der Volkswagen-Konzern hat dazu eine klare Rechtsposition, und wir stehen voll hinter Pötsch.“ Wie die Rechtsposition im Detail aussieht, lässt Porsche im Interview aber offen.

Dietmar Hawranek schenkte den Interviewten nichts

Nur bei der Boni-Frage räumt Wolfgang Porsche ein, dass es ihm lieber gewesen wäre, die Vorstände hätten darauf verzichtet. Die Verträge seien aber auf die Vergangenheit bezogen, deshalb hätten die Vorstände einen Anspruch auf Boni gehabt. Pötsch arbeite jetzt an einer neuen Regelung.

Das Interview streifte auch die Milliardenkosten des Diesel-Skandals. Die Situation sei zwar sehr ernst, aber zu bewältigen. Porsche räumt ein, dass die Deckungsbeiträge bei VW zu gering seien und die Marke profitabler werden müsse. Ob das der Betriebsratschef Osterloh auch so sehe, will der Spiegel wissen: „Herr Osterloh ist ein exzellenter Kenner des Unternehmens. Er sieht die betriebswirtschaftlichen Probleme und Herausforderungen. Ihm geht es um das Wohl des Unternehmens, so wie uns auch“, entwindet sich Michel Piëch dem Fragesteller diplomatisch.

Anders Wolfgang Porsche, der deutlicher wird: „ Natürlich tun sich der Betriebsrat und das Land Niedersachsen wie auch wir nicht leicht, wenn es um Arbeitsplätze geht. Man wird versuchen, das so verträglich wie möglich zu machen, mit Vorruhestand und anderen Maßnahmen. Aber es kann nicht so laufen wie vielleicht in der Vergangenheit, dass 3000 Menschen in den Vorruhestand geschickt und anschließend 3000 neue Mitarbeiter eingestellt werden.“

Schade, dass nicht auch Ferdinand Piëch interviewt worden ist.

 

 

 

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