Porsche GT3: Das Pass-Vergnügen

Im neuen Porsche 911 GT3 ein paar Alpenpässe zu überfliegen, macht nicht nur Spaß, sondern bringt die Qualitäten dieses Elfers beeindruckend zur Geltung. Mit 500 PS haben wir diesen Sportwagen und unseren Adrenalinspiegel auf nicht alltägliche Höhen ansteigen lassen.

Obwohl dieser rennsporttaugliche Elfer auf Schweizer Straßen schon akustisch jeden Polizisten animiert, einen Tempo-Verstoß zu unterstellen, haben wir uns auf den kurvigen Anfahrten zu diversen Pässen rund um Andermatt im Kanton Uri brav an alle Limits der Straße gehalten. Die strengen Augen der Schweizer Polizei im Bewusstsein, die uns schon mal bei nur einem (1!) km/h überm Züricher Limit einen Bußgeldbescheid von 40 Euro nach Deutschland schickte, wollten wir kein Risiko eingehen und im GT3 die Schweizer Bergwelt bei Sonnenschein genießen.

Gasgeben mit Gänsehaut-Feeling

Obwohl wir uns vermutlich ständig im unkontrollierten Luftraum bewegten, wurden wir vom Portier im Andermatter 5-Sterne-Hotel Chedi gewarnt: „Achten Sie auch dort auf versteckte Radar-Kontrollen, wo Sie nur Kuh-Weiden vermuten!“ Mit einem maliziösen Lächeln, mit nichts dahinter als Zähnen, verschwand er hinter seinem voluminösen und wohl längsten Concierge-Tresen der Welt. Mit kurzen, Gänsehaut fördernden Gasstößen rollten wir mit dem festen Vorsatz langsam vom Hotel-Parkplatz, seine Warnung, aber nicht sein Lächeln ernst zu nehmen.

 

Der GT3 ist sowohl renn- als auch straßentauglich Alle Fotos: Porsche AG

Porsche hat uns zwei Testwagen zur Verfügung gestellt; einen mit 7-stufigem-Doppelkupplungsgetriebe, einen mit dem von den Fans geradezu herbei geflehten 6-Gang-Handschaltgetriebe, das ursprünglich gar nicht geplant war. Um eine Kaufempfehlung vorweg zu nehmen: Man sollte sich einfach beide kaufen und dafür lieber das Häusle mit einer Hypothek belasten.

Das Handschaltgetriebe ist ein kostenloses „Extra“

Im Ernst: Im Handschalter waren wir vom absolut Fahrer kontrollierten puristischen Gangwechsel begeistert, im PDK-Porsche von den nahtlosen Gangwechseln ohne jede Zugkraftunterbrechung im Millisekunden-Bereich. Das Handschaltgetriebe ist übrigens als kostenlose „Option“ zu haben. Dass der serienmäßige PDK-Porsche in 3,4 Sekunden auf 100 km/h schneller beschleunigt als der Handschalter (3,8 Sekunden), dafür aber um zwei km/h unter der Handschalter-Höchstgeschwindigkeit bleibt (318 km/320 km/h), ist nur der Vollständigkeit halber zu erwähnen. Erwähnenswert ist es nicht wirklich.

Das Klang-Erlebnis des Sauger-Motors ist „phonomenal“

Auf den Serpentinen zu den Pässen rund um Andermatt fordert der Handschalter vollen Einsatz, was zuweilen in Arbeit ausarten kann, will man zügig den Pass erklimmen. Das PDK-Getriebe lässt sich per Paddel zackig rauf- und runterschalten, mit dem Vorteil, die Hände nicht vom Lenkrad nehmen zu müssen. Natürlich haben wir in den zahlreichen Tunneln bergauf und bergab jeweils die volle Sound-Orgie genossen, in dem wir die Seitenscheiben geöffnet haben. Es ist also wahr, was man sich über Porsche-Fahrer so erzählt. Das Klangerlebnis, zumal wenn es nicht von Turboladern kastriert wird, ist einfach phonomenal!

Dass wir uns im GT3 immer schneller fühlen, als der Tacho anzeigt, könnte auf diesen charaktervollen Klang zurückzuführen sein. Der Terminus Klang ist allerdings viel zu brav. Leider gibt es kein punktgenaues Wort für dieses heißere Röcheln, das beruhigende Brabbeln beim Gas wegnehmen und das kreischende Brüllen, das ab 7.000 Umdrehungen bis zum Drehzahlgipfel von 9.000 Umdrehungen akustisch die 911er-Bühne rockt. Einmalig: der kurze Zwischengas-Aufschrei im Sport-Modus beim Zurückschalten. Da bekommt man sogar noch beim Schreiben dieser Zeilen Gänsehaut. Eigentlich müssten wir zu einer Demonstration in Stuttgart-Zuffenhausen aufrufen mit der Forderung: Der Sauger darf nicht sterben!

Der Sportwagen für die Rennstrecke und den Alltag

Die Schweizer Hochalpenstraße wird im GT3 zum Hochgenuss

Der GT3 scheint tatsächlich die kürzeste Verbindung zwischen Rennstrecke und Landstraße zu sein, stellen wir himmelwärts strebend auf dem Weg zum Furkapass fest, der trotz seiner dünneren Luft in 2436 Meter Höhe dem Sauger keine Leistung zu nehmen vermag. Der GT3 hängt drehfreudig am Gas und die adaptive Federung lässt sich auf unseren Komfort-Anspruch einstellen und schaltet automatisch auf sportlich um, wenn das Drehmoment dynamischen Vorwärtsdrang signalisiert. Gegenüber dem normalen Carrera um 25 Millimeter tiefer gelegt und mit der aktiven Hinterachslenkung lässt sich der GT3 präzise und gnadenlos zügig um die engen Kurven der Hochalpenstraße treiben. Aus Rücksicht auf die immer wieder zu bedauernden Radfahrer, die sich mit uns die gleiche Steigung teilen, halten wir uns zurück und bleiben seitlich immer auf großem Abstand zu den konditionell beeindruckend strampelnden Radlern.

Der GT3 bietet absolute Alltagstauglichkeit

Da wir keinerlei Ambition an den Tag legen (wollen), hier den Racer zu geben, kommt eine weitere Charaktereigenschaft des GT3 zu Tage: seine absolute Alltagstauglichkeit, die anderen Hochleistungssportwagen meistens fehlt. Uns ist kein anderer geläufig, der zum Brötchenholen ebenso taugt wie zum privaten Rennsport-Event auf der Rundstrecke. Vorausgesetzt, der Bäcker ist weit weg und das Farrad kaputt.

Ausgangspunkt unserer Pass-Fahrt: das Hotel Chedi in Andermatt

Im GT3 muss es heißen: Nur Fahren ist schöner…..

 

Der Innenraum im GT3 ist auf Renn-Sportlichkeit ausgerichtet, dennoch finden sich überall Zeichen des Komforts: zum Beispiel die Klimaanlage, die man beim Vorgänger noch abwählen konnte, um Gewicht zu sparen, und die jetzt quasi zwangsweise eingebaut wird. Das große Display bietet eines der besten Navigations-Systeme auf dem Markt. Und auch sonst erscheint auch der Innenraum als ergonomische Brücke zwischen Racetrack und Landstraße. Und ein wenig Boulevard-Cruisen darf durchaus auch sein.

Schon 80 km/h erscheinen uns schneller als die Polizei erlaubt

Auf den ersten Blick erscheint der dominante Heckflügel aus Karbon ein wenig übertrieben. Das mag fürs Brötchen holen gelten, aber auf der Rennstrecke bestimmt die Aerodynamik die Form, und die ist auf Anpressdruck vorne und hintern angewiesen. Der Heckspoiler stemmt sich um 20 Millimeter höher in den Luftstrom als beim Vorgänger. Der Zuwachs an Abtrieb soll sehr groß sein, was wir allerdings nicht ausprobieren können, als wir über eine lange Bergauf-Gerade kurz Vollgas geben und auf eine Spitzkehre Richtung Gotthard-Pass zuschießen. 80 km/h reichen nicht aus, fühlbare Downforce zu erzeugen. Trotzdem erscheinen uns die 80 km/h schneller als die Polizei erlaubt. Nur die Weide, auf der ein paar Kühe wiederkäuend und sich offensichtlich langweilend kurz aufschauen, ruft uns die mahnenden Worte des Portiers in Erinnerung. Eine möglicherweise als Kuh getarnte Radarkontrolle aber haben wir auf der ganzen Strecke nicht gesehen.

 

 

 

Technische Daten Porsche 911 GT3: zweisitziges Sportcoupé, Länge: 4,56 Meter, Breite: 1,85 Meter, Höhe: 1,27 Meter, Radstand: 2,46 Meter, Leergewicht: 1.430 Kilogramm (PDK-Version), Kofferraumvolumen: vorne 125 Liter, hinter den Vordersitzen 260 Liter, Tankinhalt: 64 Liter (optional 90 Liter), Motor: Sechszylinder-Boxer-Saugmotor, Hubraum 3.996 ccm, Leistung: 500 PS bei 8.250 U/min, max. Drehmoment: 460 Newtonmeter bei 6.000 U/min, max. Drehzahl 9.000 U/min, 0 auf 100 km/h: 3,2 Sekunden (PDK) Höchstgeschwindigkeit: 318 km/h, Norm-Verbrauch kombiniert: 12,7 Liter/100 km, CO2-Emission kombiniert: 288 g/km, Effizienzklasse G, Euro 6; Preis ab: 152.416 Euro.

 

 

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