Fahrbericht VW Taigo: Solider und effizienter Verbrenner mit digitalen Schwächen

Volkswagen spricht modellstrategisch mit gespaltener Zunge. Es ist nicht leicht, gleichzeitig Batterie-Autos und Verbrenner zu verkaufen und bei diesem Spagat die E-Mobilität kommunikativ bevorzugen zu müssen. Beim VW-Händler kommt jeder Verkäufer ins Schwitzen, wenn man ihn fragt, zu welcher Technologie er rät.

Wir haben mehrere Autohäuser aufgesucht und dabei (nicht repräsentativ!)  festgestellt, dass Begeisterung eher auf der Verbrenner-Seite zu hören ist. Das ist keinesfalls Hochverrat an der offiziellen Firmenstrategie, sondern schlicht eher ein subtiles Plädoyer für Technologie-Offenheit.

SUV-Coupé mit ästhetischem Anspruch          Fotos: Volkswagen

Diese technologische Zwiespältigkeit ist eine doppelmoralige Zwickmühle. Denn nur wenn mit den Verbrennern Geld verdient wird, lässt sich die aufwändige E-Strategie finanzieren. Einmal mehr finden wir im getesteten Taigo bestätigt, dass Volkswagen sehr gute Autos bauen kann. Aber auch: dass es bei der Software noch ein wenig der Übung bedarf.

Fehlfunktionen der Software verunsichern

Wir sind völlig unvoreingenommen an unseren Taigo-Test herangegangen. Aber die Fehlfunktionen der Software sind dann schon nervig. Zumal weil man sich immer unsicher fühlt, ob man selbst einen Bedienungs-Fehler gemacht hat und es keine Fehlfunktion ist, wenn der Taigo plötzlich abbremst, weil er ein 50 km/h-Schild erkannt haben will. Oder wenn das Navi einfach nicht ins Ziel führen will, sondern ein paar Umwege machen will, nach dem Motto, dass ja alle Wege nach Rom führen.

Da bestätigt zufällig ein Leserbrief in einer Autozeitschrift, was wir empfunden haben: „Ich bin gebeutelter Skoda Enyaq-Fahrer (ME3-Software wie im VW ID.3, ID.4). Der derzeitige Zustand der Software von den Basisfunktionen im Auto wie Klimasteuerung, Assistenzsystem bis hin zu Medien und Navi ist schlichtweg erbärmlich.“ Ganz so drastisch wollen wir nicht urteilen, aber verbirgt sich hier einer der wesentlichen Gründe für das Ausscheiden Herbert Diess´? Als Verantwortlicher für die IT-Tochter „Cariad“ hat es Diess offensichtlich nicht geschafft, „auch nur Ansätze eine strukturierten IT-Abteilung zu organisieren“. Ein Insider sagt, dass es wegen vieler Versäumnisse in diesem Bereich noch mindestens drei Jahre dauern dürfte, Cariad effizient aufzustellen und erste Erfolge zu erkennen.

Der Taigo ist kein Billig-Angebot, aber ein solides Auto

Aufgeräumtes Cockpit mit klarer Struktur

Wie schweifen ab: Unser Taigo-Testwagen R-Line TSI mit 150 PS aus einem 1,5-Liter Vierzylinder-Turbobenziner macht von außen einen sehr zeitgemäßen, sprich modernen Eindruck. Das kompakte SUV-Coupé steht präsent auf der Straße, obwohl es eigentlich eher der Kategorie Kleinwagen zuzurechnen ist. In der von uns getesteten R-Version mit einem 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe (DSG) kostet er nackt immerhin 31.265 Euro. Mit den eingebauten Sonderausstattungen stehen 37.690 Euro (inkl. MwSt.) auf der Rechnung. Allerdings sind ein paar Extras unabdingbar wie die Rückfahrkamera (für preiswerte 280 Euro), das Navigationssystem Discover Pro (1.670 Euro). Dass unser Testwagen rein optisch einen so guten Eindruck macht, ist auch dem Design-Paket Black Style zu verdanken, das dem Fahrzeug mit 595 Euro den gewissen Pfiff verleiht. Die Sonderfarbe Kings Red Metallic für 690 Euro passt zum Gesamteindruck und macht den Taigo insgesamt zu einem Hingucker.

Das Design-Paket Black Style wertet den Taigo auf

Das Fahren macht Spaß. So banal unsere Erkenntnis, die abweicht von der üblichen Nockenwellen-Lyrik und deutlich machen soll, dass übersteigerte Erwartungen Richtung Sportlichkeit im Alltag völlig überflüssig sind. 250 Newtonmeter maximales Drehmoment spielen auf der Klaviatur des 7-Gang-DSG jederzeit die richtige Kraftentfaltung auf die Vorderachse. Selten haben uns 150 PS so viel Freude gemacht. Vor allem weil wir trotz bescheidener Erwartung vom Temperament und seiner Dynamik auf der Straße überrascht wurden. 8,3 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h sind kein Sportwagenwert, aber Ausdruck erlebbarer Fahrfreude. Dass dieser Taigo die 200-km/h-Schallmauer locker bis 212 km/h durchbricht, ist keine Prospekt-Übertreibung. Wir haben sogar 217 km/h gemessen. Aber ob diese Werte noch heute ein Qualitätsmaßstab eines Autos sind, möchten wir bezweifeln. Viel wichtiger ist wohl der Verbrauch, der sich je nach Fahrweise zwischen sechs und siebeneinhalb Liter angemessen vernünftig darstellt.

Wenn das Design nicht mehr der Funktion folgt…

Die Digitalisierung des Cockpits mit dem 8 Zoll großen Display ist Serie. Gegen Aufpreis gibt es ein 10,5 Zoll großes Display. Schon im Serien-Display ist alles vorhanden, was als Information notwendig ist. Der Fahrer kann verschiedene Layouts konfigurieren, die alle sehr aufgeräumt und bestens ablesbar daherkommen. Mit dem empfehlenswerten Navigationssystem Discover Pro (1.670 Euro) kommt ein 9,2 Zoll großer mittig platzierter Touchscreen zum Einsatz, mit dem sich das Entertainment-System und vieles mehr bedienen lässt, z.B. Apple-Carplay und Android Car zu nutzen und Einstellungen der Assistenzsysteme regulieren. Was in allen Digital-Funktionen auffällt: sie sind sehr langsam und man hat den Eindruck, dass sich VW einfach schnellere Chips hat sparen wollen. Allein die Initialisierung des Navigationssystems dauert und erfordert Geduld.

…ist das gegen jede Regel guter Formgebung

Fazit: der VW Taigo ist ein grundsolides Auto. Ein Volkswagen reinsten Wassers. Dass seine Schwächen vor allem im Bereich der Software zu finden sind, verdeutlicht, dass der Automobilbau alter Prägung zwar nach wie vor seine Notwendigkeit hat, aber auch, dass die Digitalisierung sich nicht in großen Displays und berührungsaktiven Schiebereglern erschöpfen darf. Obwohl das Design handwerklich gelungen ist und in seiner Ästhetik nicht übertrieben wirkt, halten wir die riesigen Auspuff-Attrappen für lächerlichen Kindergeburtstag. Der Trend zu dieser Art Auspuff-Kulisse ist leider bei vielen Autoherstellern en vogue. Wenn das Design nicht mehr der Funktion folgt, ist das gegen jede Regel guter Formgebung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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