Wird auto motor und sport bald nicht mehr bevorzugt?

Wer sich wundert, dass auto motor und sport immer ziemlich präzise zum Ende einer Sperrfrist bei einer Autopräsentation mit der aktuellen Vorstellung auf den Markt kommt, mag das für gutes Timing halten. Wahr ist, dass manche Presseabteilung durchaus geneigt ist, die Sperrfristen auf den Redaktionsschluss bzw. Ersterscheinungstag des wichtigen Auto-Mediums abzustimmen. Jedenfalls wird so sichergestellt, dass ams nie später als andere Autoblätter mit einer Neuvorstellung erscheinen muss. Das könnte sich bei Mercedes-Benz jetzt ändern, denn dort ist man über ams verärgert. Entgegenkommen bei Sperrfristen könnte bald der Vergangenheit angehören, hört man aus der Mercedes-Presseabteilung.

Bei der Vorstellung der neuen S-Klasse soll sich ams nicht an Absprachen gehalten haben, ist aus der Presseabteilung zu hören. Deswegen sei man dabei, die einst guten, mittlerweile unterkühlten Beziehungen zu ams zu überdenken. Das Blatt habe außerdem nicht mehr die Bedeutung früherer Jahre. Allerdings scheint man bei Mercedes auch auf Autobild nicht gut zu sprechen zu sein. So habe die Test-Mitfahrt von Carsten Paulun in der neuen S-Klasse mit Dieter Zetsche dazu geführt, dass Fotos der noch tarnverklebten Nobellimousine retuschiert und wie echt aussehend in die Bild am Sonntag gehoben worden sein sollen, wird kolportiert.

Tatsächlich konnte ams früher noch ziemlich „exklusiv“ als absoluter Marktführer auf eine verkaufte Auflage von über 500.000 Exemplaren blicken. ams war damit als Meinungsmacher ganz klar das Schwergewicht der Branche. Andere Automagazine kamen über die 100.000 Exemplare kaum hinaus. Die Kompetenz des Autotests lag eindeutig bei ams. Das Blatt war und ist eigentlich noch heute Pflichtlektüre in den Entwicklungsabteilungen nicht nur der deutschen Autohersteller. Übersetzungsbüros verdienen sich eine goldene Nase, die im Auftrag von ausländischen Autoherstellern die wichtigen Artikel in die jeweilige Landessprache übersetzen, um die Berichte an die heimische Entwicklungsabteilung zu funken. ams galt in Deutschland vor allem in der Vergangenheit als „Bibel“ der Automobil-Be- und -verurteilung. Jetzt konkurrieren die beiden auflagenstärksten Blätter ams und Autobild um den Titel wichtigstes Autoblatt der Nation.

Durchgesetzt hatte die Bevorzugung von ams  in den achtziger Jahren vor allem der aggressiv auftretende damalige Chefredakteur Helmut Luckner, der auch schon mal damit drohte, ein neues Automodell zunächst mal totzuschweigen, wenn Exklusivberichterstattung nicht ermöglicht wurde. In Deutschland hatte Luckner mit dieser Drohung lange Zeit auch Erfolg. BMW war – soweit ich mich erinnere – der erste Hersteller, der unter Pressechef Richard Gaul eine Gleichbehandlung aller Medien durchsetzte. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Unterschiedlichste Erscheinungstermine sind nur schwer unter einen Hut zu bringen. Manche Presseabteilung versucht dies zu umgehen, indem den Redaktionen unterschiedliche „Exklusiv-Geschichten“ angeboten werden. Die wichtigsten Blätter werden sozusagen alle gleich bevorzugt. Der anfängliche Ärger legte sich schnell, weil die Redaktionen sich darauf einstellen konnten.

Die Rangordnung änderte sich mit dem Erscheinen von Autobild. Anfangs noch als dilettantisch belächelt (auch von mir als damaliger Chefredakteur der Autozeitung) und kaum ernst genommen, entwickelte das Blatt nicht nur automobile Kompetenz, sondern auch außerordentlich guten, ideenreichen und vor allem mutigen Motor-Journalismus. ams kämpft seit gut zehn Jahren dagegen an, zur Nummer zwei zu werden. Ohne Erfolg, wenn man die IVW-Auflagen gegenüber stellt. Festzustellen ist bei beiden Blättern, dass auch die führenden Motorzeitschriften dramatisch verloren haben und weiter verlieren. Und ams hat auch noch wichtige Redakteure an den Hamburger Konkurrenten abgeben müssen, die kreativ aufzublühen scheinen. Selbst der Autobild-Chefredakteur kommt aus der Stuttgarter Kaderschmiede in der Leuschnerstraße und kann sich nun ungebremst entfalten.

Allerdings hat der Rückgang der Auflagen nicht unbedingt mit der Qualität von Autozeitschriften zu tun. Vielmehr ist dies der Notwendigkeit geschuldet, kostenlos im Internet aufzutreten. Das ist ein Dilemma. Jeder Verlag muss hier mitspielen, verliert aber Print-Leser, die das Gefühl haben, im Netz kostenlos genauso gut informiert zu werden. Eine Zwickmühle, an der alle Verlage wohl noch lange verunsichert herumdoktern werden.

Wie dem auch sei. Nicht nur die Mercedes-Presseabteilung täte gut daran, seriöse journalistische Arbeit zu respektieren. Das gilt für die Reportage über Niedriglöhne im Werk Untertürkheim ebenso wie für die Berichterstattung über neue Modelle und ihre Probleme wie den desaströsen Crash-Test mit dem Mercedes Citan. Und wenn der VW Golf zum Auto des Jahres gewählt wird und nicht die A-Klasse, dann liegt das nicht an bösen Journalisten oder einer Verschwörung gegen Daimler, sondern am Recht auf Meinungsfreiheit. Und vielleicht auch ein wenig an der fachlichen Kompetenz der Jury.

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