Strukturreform „beim Daimler“ mit Bereichsvorständen wirft viele Fragen auf und sorgt für Unruhe im Unternehmen

Geht Ende des Jahres in den Ruhestand: Mercedes-Vertriebschef Joachim Schmidt

Geht Ende des Jahres in den Ruhestand: Mercedes-Vertriebschef Joachim Schmidt

Gleich zwei Paukenschläge hintereinander: Erst verkündet Mercedes-Vertriebschef Joachim Schmidt ziemlich überraschend seinen vorzeitigen Rückzug (sein Vertrag war letztes Jahr bis September 2015 verlängert worden), um nach 34 Jahren beim Daimler mit 65 in den verdienten Ruhestand zu gehen, dann vermeldet der Daimler-Vorstand in einem Schreiben an die Führungskräfte, dass eine Strukturreform nötig sei, die das Kundeninteresse in den Mittelpunkt rücken soll. „Kundenorientierung“ heißt das neue Schlagwort, wobei man sich dabei fragen kann, ob die Kunden bislang nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Tatsächlich gehe es in der Neustrukturierung aber vor allem darum, die unterschiedlichen Kundeninteressen der Pkw- und Nutzfahrzeug-Kunden weltweit gezielter anzusprechen. Hier das Schreiben des Konzernvorstands an die Führungskräfte:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

unser Unternehmen ist auf einem sehr guten Weg: Man sieht es an unseren neuen Produkten und deren Absatzzahlen, an unseren Auftragseingängen und Zukunftsinvestitionen, am Aktienkurs und an vielem mehr. Um diese erfreuliche Entwicklung weiter zu stärken, machen wir nun den nächsten Schritt – und zwar mit einer Strukturreform, die wir unter den Begriff „Kundenorientierung“ („Customer Dedication“) stellen. Was heißt das?

Wir verändern unsere Organisation, weil sich auch unser Geschäft ändert: Nie zuvor waren die Kundenanforderungen so unterschiedlich wie heute; nie zuvor hatten wir auch innerhalb unserer Geschäftsfelder so vielfältige Produktpaletten. Unser Produktionsnetzwerk ist internationaler denn je, die Kooperation mit regionalen Joint-Venture-Partnern deutlich vielschichtiger. Aus all diesen Gründen haben wir beschlossen, unser Unternehmen noch konsequenter als bisher gemäß unseren fünf Geschäftsfeldern Mercedes-Benz Cars, Daimler Trucks, Mercedes-Benz Vans, Daimler Buses und Daimler Financial Services aufzustellen.

Konzernweit werden wir unsere Strukturen und Prozesse auf die jeweiligen Geschäftsfelder ausrichten. Die Funktionalressorts behalten ihre Verantwortung, werden aber im Hinblick auf die Anforderungen aus den einzelnen Geschäften organisatorisch optimiert. Aus den Geschäftsführungen von Mercedes-Benz Cars und Daimler Trucks werden Bereichsvorstände. Die Verantwortung für die wesentlichen Vertriebsfunktionen und die wichtigen Absatzmärkte wird direkt im jeweiligen Geschäftsfeld verankert. Übergreifende Funktionen auf Länderebene werden verschlankt. Dadurch verringern wir die Komplexität in jedem einzelnen Geschäftsfeld, werden schneller und flexibler. Aufgaben und personelle Zusammensetzung des Daimler-Vorstandes bleiben unverändert.

Bei all dem handelt es sich nicht um ein Kosten- oder Sparprogramm, sondern um einen kundenorientierten Strukturumbau – und zwar in allen Bereichen. Die Umsetzung soll bis zum Jahresende erfolgen. Damit machen wir einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Weg zur Erreichung unserer langfristigen Wachstumsziele – und wir freuen uns darauf, diesen Weg gemeinsam mit Ihnen fortzusetzen!       

Ihre

Dieter Zetsche   Wolfgang Bernhard   Christine Hohmann-Dennhardt Wilfried Porth   Andreas Renschler   Hubertus Troska   Bodo Uebber   Thomas Weber  

So ganz klar wird dabei nicht, wie die neue Führungsstruktur aussehen wird. Zieht sich Dieter Zetsche nun auf den Posten als Daimler-Chef zurück und überlässt die Führung von Mercedes-Benz Cars Andreas Renschler. Bislang hatte Zetsche immer beide „Hüte“ tragen wollen, den des Konzernchefs und jenen der Car Division. Im Aufsichtsrat war in den letzten Monaten aber immer wieder der Wunsch geäußert worden, dass sich Zetsche auf die Daimler-Konzernführung konzentrieren und die Führung der Marke Mercedes-Benz abgeben solle. Zetsche hatte sich immer als Car Guy gefühlt und darauf bestanden, auch die Marke mit dem Stern zu führen. Die neue Struktur wird viele Fragen aufwerfen. Insider fragen sich, warum diese Veränderungen noch vor der IAA bekannt gegeben wurden. Über die Flure wabert das Gerücht, dass dies nicht beabsichtigt, aber unvermeidbar war, da die Nachricht vorzeitig nach außen gesickert sei.  „Da kommt jetzt unnötig Unruhe rein, die wir gar nicht gebrauchen können“, ist aus dem Führungskreis zu hören. „Die IAA fordert uns in diesem Jahr extrem. Jetzt müssen wir nicht nur die Produkte erklären, sondern auch die Strukturreform. Da kommen viele Fragen auf uns zu“, ist im Marketing zu hören. 

Offiziell liest sich die Neuorganisation ganz sachlich so: Zum Bereichsvorstand von Mercedes-Benz Cars gehören Dieter Zetsche (Vorsitzender), Thomas Weber (Entwicklung), Andreas Renschler (Produktion & Einkauf),  Ola Källenius (Vertrieb) sowie Frank Lindenberg (Finance & Controlling). „Irgendwie ist das unlogisch“, meint ein Insider. „Das würde ja bedeuten, dass Renschler abgewertet würde, was nicht sein kann bzw. was er nie akzeptieren würde.“ Während sein Kollege Wolfgang Bernhard Vorsitzender des Nutzfahrzeug-Bereichsvorstandes würde, wäre Renschler bei Mercedes-Benz nicht Vorsitzender des Bereichsvorstandes. Andererseits ist zu hören, dass Ola Källenius als Vertriebschef im Bereichsvorstand Mercedes-Benz Cars an Andreas Renschler berichten soll.

Den Bereichsvorstand Daimler Trucks bilden Dr. Wolfgang Bernhard (Vorsitzender), Martin Daum (LKW NAFTA – Freightliner, Western Star, TBB), Dr. Albert Kirchmann (LKW Asien – Fuso, Bharat Benz), Stefan Buchner (LKW Europe und Lateinamerika – Mercedes-Benz), Dr. Frank Reintjes (Powertrain & Produktionsplanung), Sven Ennerst (Entwicklung & Einkauf) und Matthias Gründler (Finance & Controlling).

Am Nachmittag scharte PR-Chef Jörg Howe seine Mannschaft um sich, um ihnen die Hintergründe der Struktur zu erläutern und wie sie zu kommunizieren sind. Alles in allem gab es keine Überraschungen über die oben zitierte Meldung hinaus. Wie von Anwesenden zu hören ist, glauben viele, dass damit noch nicht alles gesagt sei. Es bleibt also spannend.




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