Wolfgang Reitzle

Ist ein künftiger VW-Aufsichtsratsvorsitzender Hans Dieter Pötsch ein Kompromiss der Vernunft oder nur ein Burgfrieden auf Zeit?

Kompromisse sind Ferdinand Piëchs Sache noch nie gewesen. Wenn er sie eingegangen ist oder eingehen musste, dann war das selten endgültig. Kompromisse sind für Piëch temporäre Überbrückungshilfen, irgendwann doch noch ans eigene Ziel zu kommen.

Nun haben zwei Presseerklärungen für Aufsehen gesorgt, die von den meisten Medien als endgültige Entscheidungen wahrgenommen und verbreitet wurden. Die Erklärung der Porsche Automobil Holding SE formuliert sehr vorsichtig: „Anteilseigner-Vertreter im Aufsichtsrat der Porsche SE beabsichtigen, Hans Dieter Pötsch als Aufsichtsratsmitglied der Volkswagen AG vorzuschlagen.“ Es werde darüber hinaus „angestrebt“, ihn dort auch zum Vorsitzenden zu wählen.

Nahezu gleichzeitig äußert sich Volkswagen: „Das Präsidium und der Nominierungsausschuss des Aufsichtsrats der Volkswagen Aktiengesellschaft haben in ihrer heutigen Sitzung beschlossen, den Vorschlag der Anteilseigner-Vertreter im Aufsichtsrat der Porsche Automobil Holding SE, Hans Dieter Pötsch im Rahmen einer außerordentlichen Volkswagen-Hauptversammlung im November dieses Jahres zum Mitglied des Aufsichtsrats der Volkswagen AG zu wählen, zu unterstützen.“

Der stellvertretende Vorsitzende des VW-Aufsichtsrats Berthold Huber (es gibt aktuell keinen Vorsitzenden, der Ex-Gewerkschafs-Chef ist quasi kommissarischer Vorsitzender) wird so zitiert: „Wir sind sicher, dass mit Herrn Pötsch ein überzeugender Vorschlag für die künftige Position des Aufsichtsratsvorsitzenden gemacht wurde. Herr Pötsch zeichnet sich durch strategische Weitsicht, tiefe Kenntnisse der Automobilindustrie und große Expertise an den Finanzmärkten aus“, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsrates, Berthold Huber.

Wenn nun die FAZ am Sonntag schreibt, dass Piëch „noch einmal zurückgeschlagen“ habe „im Machtkampf um die Führung von Europas größtem Automobilkonzern“, weil so Martin Winterkorn als AR-Chef verhindert wurde, ist dies nur die halbe Wahrheit. Und wahrscheinlich noch lange nicht das Ende eines Machtkampfs, der in der deutschen Industriegeschichte einmalig ist.

War es wirklich Piëchs einziges Ziel, Martin Winterkorn als Volkswagen-Aufsichtsratsvorsitzenden zu verhindern, wie die FAZ am Sonntag mutmaßt? Und hat er nun sein Ziel erreicht? Die Antwort ist einfach: nein! Piëch wollte einen Automann an der Spitze des AR-Rats, keinen Finanzexperten. Piëch hat auch einen Namen genannt: Wolfgang Reitzle, der mit dem Herzen auch beim Gase-Hersteller Linde ein absoluter Automann geblieben ist und Management-Qualitäten bewiesen hat, indem er das eher provinzielle Wiesbadener Unternehmen für Gabelstapler und Kühltechnik zur globalen Nummer eins der Industrie-Gase-Hersteller gemacht hat. Der Stern nannte Reitzle einmal einen „BMW auf zwei Beinen“. Wo andere Benzin im Blut haben, habe Reitzle „Blut im Benzin“.

Reitzle und Porsche haben sogar eine gemeinsame Geschichte. Ende der Neunziger machte der Porsche-Clan Reitzle das Angebot, dort Chef zu werden. Die Verhandlungen, die von Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche geführt wurden, gipfelten in einem Angebot, das heute Milliarden schwer wäre: ein Porsche-Aktienpaket. Sowohl Wolfgang Porsche als auch Ferdinand Piëch lernten Reitzle als hoch kompetenten Automobil-Ingenieur kennen und fanden sich auch menschlich sehr sympathisch. Reitzle hätte das Angebot sehr gerne angenommen, BMW-Chef Eberhard von Kuenheim ließ ihn aber nicht aus seinem Vertrag.

Für Piëch ist Reitzle die Idealbesetzung an der AR-Spitze des VW-Konzerns. Daran hat sich, so ist auch nach der Nominierung Pötschs im Umfeld Piëchs zu hören, nichts geändert. „Wer im Automobilgeschäft vorne sein will, muss Leidenschaft fürs Automobil in sich tragen, dann erst kommen die Finanzen“, umschreibt ein Salzburg-Insider die Denke Piëchs. Dies gelte für den Vorstandsvorsitzenden ebenso wie für den Aufsichtsratschef eines Autokonzerns.

Auch Piëch selbst habe immer wieder „gegen jede finanzielle Vernunft bewiesen, dass automobile Richtungsentscheidungen Ingenieur-getrieben sein müssen“. Und weiter: „Pötsch ist vielleicht einer der besten Finanzexperten der Autoindustrie, aber sicher nicht der Mann mit Sinn für die Getriebeabstufung.“ Allerdings müsse die Frage erlaubt sein, „inwiefern automobiles Fachwissen nötig ist, um den VW-Aufsichtsrat zu führen“.

Die Wolfsburger Personalentscheidungen hätten aber auch eine gute hervorgebracht: „Dass Martin Winterkorn VW-Chef bleiben soll, ist zweifellos die beste Nachricht. Er bürgt wie kein anderer für automobile Qualität und technischen Fortschritt.“

Nicht wenige halten es auch jetzt noch für möglich, dass Wolfgang Reitzle „irgendwann“ in den VW-Aufsichtsrat einziehen könnte. Allerdings würde er dort nur einziehen wollen, wenn er AR-Vorsitzender würde. AR-Vorsitzender eines DAX-Konzerns ist er heute schon: beim Autozulieferer Continental. An Herausforderungen kann es Reitzle eigentlich nicht mangeln, denn er ist auch Partner bei der amerikanischen Investmentbank Perella Weinberg und sitzt im Aufsichtsrat bei Axel Springer und dem Weingroßhändler Hawesko. Darüber hinaus ist er Verwaltungsratschef beim Schweizer Zementhersteller LafargeHolcim.

Aber mitzuhelfen, Volkswagen zum größten Autokonzern der Welt zu machen, wäre ganz sicher eine Herausforderung, die Reitzle reizen würde.

 

 

 

 

 

 

 

 


Wolfgang Reitzle for President? – Der ADAC bleibt auf der Suche nach einem neuen Präsidenten bisher erfolglos

Es gibt Nachrichten, die schaffen es einfach nicht bis in die Tagesschau. Manche noch nicht einmal auf Bild.de oder Spiegel online. Eine solche Nachricht war eine Meldung im Radio. Antenne Bayern vermeldete, dass sich ADAC-Beiratssprecher Jürgen Heraeus einen Kandidaten mit Auto-Erfahrung auf dem Präsidenten-Posten wünschen würde. Kein abwegiger Gedanke. Und natürlich fiel ihm dazu auch ein Name ein, der immer genannt wird, wenn irgendwo ein wichtiger Wirtschaftsposten zu besetzen ist: Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Reitzle.

Da kann es keinen Zweifel geben. Wolfgang Reitzle wäre ein Gewinn für den ADAC, aber der ADAC alles andere als ein adäquates Aufgabengebiet für Reitzle. Der Ex-BMW-Vorstand, Ex-CEO der ehemaligen Londoner Ford-Luxusabteilung Premier Automotive Group und erfolgreichster CEO beim Linde-Konzern ist noch nicht einmal gefragt worden, wie zu hören ist. Gut so. Wer hätte auch den Mut, dem vielleicht erfolgreichsten Manager Deutschlands das Angebot zu machen, Präsident eines moralisch darnieder liegenden Vereins zu werden, der sich gerade auf den Weg macht, wieder glaubwürdig zu werden. Denn das wird dauern. Und Reitzle ist als Aufsichtsratschef bei Continental und als Berater in der Autobranche wichtiger als der Präsident eines Vereins für liegengebliebene Autofahrer.

Reitzle würde den ADAC zweifellos wieder auf die Beine stellen, ihm ein ganz neues Image und wieder Glaubwürdigkeit verschaffen. Aber ganz anders, als sich das Jürgen Heraeus vorstellt. Reitzle ist weder als Zauderer noch als konfliktscheu bekannt. Als er an jenem Freitag im Februar 1999 (siehe auch Reitzle-Portrait im Stern) auf dem Sprung auf den BMW-Chefsessel von den Arbeitnehmervertretern gemeuchelt wurde, lehnte er es knallhart ab, weiter als Entwicklungsvorstand zweiter Mann zu bleiben. Schließlich war ihm vom damaligen Aufsichtsratschef Eberhard von Kuenheim in die Hand zugesagt worden, dass er, Reitzle, Vorstandsvorsitzender werden würde. Von Kuenheim hatte es ernst gemeint, aber nicht mit dem Widerstand der Arbeitnehmer gerechnet. Es kam zum Eklat, und Reitzle machte sich auf, Fords Luxusmarken (Jaguar, Land Rover, Aston Martin, Volvo und Lincoln) aufzupäppeln. Nach dem Abgang des damaligen Ford-Chefs Jacques Nasser konnte sich Reitzle gegenüber den Erbsenzählern in Detroit mit seinen Qualitätsansprüchen nicht mehr durchsetzen. Er nahm das Angebot an, Linde-Chef zu werden. Der verstaubte Gemischtwarenkonzern produzierte Gabelstapler und Kühltruhen und auch Industriegase, spielte auf dem Weltmarkt kaum eine Rolle. Reitzle fokussierte Linde auf Gase und machte die Linde Group zum Weltmarktführer.

Das ist schon ungewöhnlich: Da verlässt ein Vorstand vor 15 Jahren BMW, und noch heute machen dort Entwickler große Augen der Bewunderung, wenn sie den Namen Reitzles hören. Und es gibt viele, die sagen, dass es nach dem Abgang Reitzles ein paar Jahre gedauert hat, bis die Ingenieure im FIZ wieder in der Spur waren. Reitzles sprühte nicht nur vor Ideen, sondern er riss auch andere mit, um diese Ideen umzusetzen.

Dieser Mann beim ADAC? Das geht einfach nicht. Das wäre wie wenn man einen Wildwasserkanu-Champion zum Kapitän auf einem Container-Frachter machen wollte. Eine solche Organisation wäre Reitzle viel zu langsam. Und dass sie sich schnell ändern würde, ist nicht zu erwarten. Am Ende hat wohl auch der ADAC-Beiratssprecher Jürgen Heraeus eingeräumt, dass der Name Reitzle nicht wirklich ein Vorschlag war, sondern nur ein Beispiel für den richtigen Maßstab, wie der nächste Präsident ungefähr sein sollte.

Die Vorschlagsliste der Bild-Zeitung fürs ADAC-Präsidentenamt ist da schon realistischer: Favorit der Leser ist der CDU-Politiker Friedrich Merz, daneben werden Paris-Dakar-Siegerin Jutta Kleinschmidt, Unternehmensberater Roland Berger, Ex-Finanzminister Theo Weigel und die ehemalige Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth genannt.

Die Bild-Zeitung kritisiert, dass der ADAC auf seiner anstehenden Mitgliederversammlung die Wahl eines Präsidenten wohl absetzen wird. Mangels eines Kandidaten und um sich ohne Zeitdruck umzuschauen, wie es heißt. Könnte es sein, dass es der ADAC deshalb nicht eilig hat, weil Gras über die skandalösen Vorgänge zur Wahlmanipulation beim Gelben Engel wachsen soll? Warten wir´s ab.



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