Persönliche Erkenntnisse eines Golf-GTI-Besitzers: Die Ego-Prothese

Der Straßenschreck Golf GTI ist 50 geworden. Erinnerungen eines Oldies, der Mitte der 70er-Jahre am Steuer dieser Rakete den dicken Max machte.

Von Harald Kaiser

Es war Sonntagmorgen gegen sechs. Ein gewaltiger Rumpler schüttelte meine Freundin und mich wach. Völlig verschreckt und mit rasendem Herzen glaubte ich zunächst, ein Laster müsse gegen das Haus gedonnert sein. Doch schaukelnde Bilder an der Raufasertapete machten die Sache sonderbar. Ein Erdbeben?

Keine Minute nach dem seltsamen Stoß schoss mir der Gedanke durch den Kopf: Was war mit meinem neuen Auto unten in der Garage? Ich hatte mir wenige Wochen vorher einen Golf GTI gekauft: 110 PS stark, 182 km/h schnell, schwarz, mit einer feinen roten Einfassung um den Kühlergrill, Recaro-Schalensitzen mit Schottenmuster und einem Golfball auf der Spitze des Schaltknüppels. Sozusagen der Gipfel der GTI-Lust. Knapp 14 000 Mark musste ich für das Geschoss berappen. 5000 Mark kamen von einem zinsgünstigen Darlehen meines Arbeitgebers.

Hastig sprang ich in meine Jeans, die über einem Stuhl hing, und rannte barfuß die zwei Etagen zur Garage hinunter. Ich erwartete einen erschlagenen Traum, von tonnenschweren Betondeckenplatten zerquetscht. Doch er stand unversehrt in seiner Box. Inzwischen war wieder Ruhe eingekehrt, am Haus waren keine Schäden erkennbar. Ich traute dem Frieden jedoch nicht und fuhr den Wagen vorsichtshalber raus auf den Garagenvorplatz.

Später stellte sich heraus: Ein Erdbeben der Stärke 5,7 hatte am 3. September 1978 die noch schlafende Gegend rund um Stuttgart aufgeschreckt. Vom Epizentrum unterm Zollerngraben auf der Schwäbischen Alb her zitterte die Erde in Richtung Norden hoch bis Höfingen, wo ich damals wohnte.

Nicht auszudenken, wenn mein schwarzer Blitz, Kennzeichen BB JE-110, platt gemacht worden wäre! Von heute aus besehen wäre das ganz sicher der Auslöschung meines zweiten Ichs gleichgekommen.

Jedesmal, wenn ich morgens eingestiegen bin, habe ich den Motor nicht schnöde angelassen. Gleichsam symbiotisch bin ich zusammen mit der Maschine gestartet – und zwar zum Verblasen von Granadas. Auf den etwa 25 Kilometern zur Arbeit (zumeist Autobahn) fand sich immer einer.

Granadas waren schwankende Riesenschiffe von Ford mit Sechszylinder unter der Haube. Mit Glück und langem Anlauf kamen diese grässlichen Benzinsäufer auf 180 Sachen. Mein Potenz-Golf jedoch, nur mit einem hochdrehenden 1,6-Liter-Vierzylinder ausgerüstet, konnte dank zweier Stundenkilometer Überschuss langsam daran vorbeiziehen.

Auf dem Papier. In Wahrheit war ich schneller. Echte 190 km/h waren immer drin. Bergab. Ich hab’s gestoppt. Dass mir der Motor dabei die Ohren fast taub gebrüllt hat, hab ich nicht bemerkt. Hauptsache, die Ultralangweiler in den Granadas oder Opel Rekords sahen die GTI-Rücklichter.

Für Psychologen, die wahrscheinlich damals schon erforschten, wie Produkte auf ihre Besitzer abstrahlen und diese sich auch noch in dem vermeintlichen Glanz sonnen, war ich sicher ein Abziehbild der Idealvorstellung eines abhängigen Kunden. Oder einfach nur ein Depp.

Im heute üblichen Geschäfts-Kauderwelsch würde dies vermutlich so klingen: »Autoaffine Haltung zur Unterstützung von Individualisierung.« Dabei war mein Verhalten nur Ausdruck des ewig währenden Generationenkonfliktes: Ein junger Frechling wollte den alten Säcken an die Karre fahren. Nicht wirklich ins Blech natürlich, sondern nur zur symbolischen Standortbestimmung.

Als der Golf GTI 1976 auf den Markt kam, schienen 110 PS wahnsinnige Übermotorisierung zu sein. Foto:Volkswagen

Und wenn sich das Ego überschlug, dann haben wir schon mal mitten in der Stadt per Handbremswende reifenquietschend die Fahrtrichtung gewechselt. Heute sind die Macker cool, die schwarze Anzüge, darunter schwarze T-Shirts, auf der Nase schwarze Sonnenbrillen tragen und schwarze Cabrios fahren. Bescheuert? Klar. Prothese für Egokrüppel? Auch klar.

Schon als ich damals mit dem Zug nach Wolfsburg fuhr und im Werk die beglaubigte Kopie der Überweisung mitsamt den Nummernschildern hinlegte, suhlte ich mich in der Gewissheit, gleich in einer heißen Kiste nach Hause zu fahren, auf die viele neidisch sein würden und die nur 9,2 Sekunden brauchte, um auf 100 zu beschleunigen. Heute schaffen die 265 PS des „normalen“ Serien-GTI die Tempomarke in 5,9 Sekunden.

Doch anfangs durfte ich die Lahmärsche nicht abhängen, die mich schon im Käfer genervt hatten. Die ersten 1000 Kilometer war piano angesagt. Nicht über Tempo 100. Die Mechanik musste sich erst einlaufen. So fuhr ich die 600 Kilometer von Wolfsburg nach Stuttgart mit gebremstem Schaum. Aber dann … denkste! Nach der 1000er-Kilometer-Marke merkte ich, dass die Kupplung rutschte. Am Berg überholten mich die verhassten Granadas.

Es war zum Heulen. In der Werkstatt stellte sich heraus, dass durch einen Haarriss im Getriebegehäuse Öl auf die Kupplung tropfte. Immer dann, wenn alles schön warm war und ich eigentlich hätte Gas geben können, öffnete sich der Spalt. Erst nach der Reparatur ging mein Herz auf.

Mitte 1976 war es, als der Renner auf die Straße gelassen wurde, und nun gibt es zum 50. Geburtstag ein GTI-Jubiläums-Sondermodell mit 325 PS, einem Spitzenmotor, einer super Siebengang-Automatik, mit Sportfahrwerk und einem großen Heckspoiler am Dachende. Dinge, die damals noch nicht einmal in Träumen existierten. Diesen Schlitten, der laut Werk mit 270 km/h Spitze so manchen Porschefahrer den Atem rauben wird, können PS-Nerds ab 54.450 Euro bestellen.

Bei dem Preis müsste ich wieder einen Kredit aufnehmen.

Kommentar hinterlassen zu "Persönliche Erkenntnisse eines Golf-GTI-Besitzers: Die Ego-Prothese"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*