Ein paar hundert Meilen durch den Großstadt-Dschungel von Los Angeles zu fahren, ohne einmal das Lenkrad oder das Bremspedal zu berühren, ist keine Sciencefiction aus Fantasien. Sondern meine Live-Erfahrung in Kalifornien.
Während Mercedes-Chef Ola Källenius autonomes Fahren in der neuen S-Klasse als bereits eingebaute Möglichkeit in einer unbestimmten EU-Zukunft beschwört, fährt Tesla in den USA bereits voll „autonom“. Wir haben es ausprobiert und sind begeistert.
Irgendwie stieg ich skeptisch in den Tesla, der in der Nacht zuvor mit der aktuellsten Software upgedatet worden war. Schon die vorherigen Software-Versionen konnten sehr gut autonom steuern. Kleinere Fehler konnten Tesla verziehen werden, denn auch diese führten nicht zu groben Sicherheitsproblemen. Aber sie erzeugten jenes Quentchen Verunsicherung, das mit dem neuesten Update total verschwunden ist.
„Autonom“ ist der falsche Terminus
Bevor wir uns dem Fahren zuwenden, möchte, nein muss ich den Terminus „autonomes Fahren“ deutlich kritisieren. Entgegen jeder physikalischen Wirklichkeit trifft „autonom“ überhaupt nicht zu. Wenn ein Pilot auf Reiseflughöhe den Autopiloten einschaltet, fliegt er dann „autonom“? Natürlich nicht, obwohl sein Flugzeug automatisch in der programmierten Höhe das Ziel ansteuert. Fazit: Viel genauer wäre also im Auto von autopilotiertem Fahren zu sprechen.
Quer durch Downtown Los Angeles und im Umfeld dieses Stadt- und Straßen-Molochs bewegt sich unser Tesla Model 3 mit der Sicherheit eines routinierten Fahrers durch jedwede Verkehrssituation. Zügig, manchmal gefühlsmäßig zu schnell, aber immer souverän und sicher. Es ist mentales Umdenken nötig, sich dem Fahrzeug anzuvertrauen. Schlechte Beifahrer haben da anfangs sicher Probleme. Der Wagen scheint sogar zu denken. Nicht nur, dass er weit entfernte rote Ampeln antizipiert, noch bevor ich sie entdeckt habe. Er bremst dann leicht ab, um möglichst nahe an die nächste Grünphase zu kommen, ohne anhalten zu müssen Das stört allerdings den hinterher fahrenden typischen US-Autofahrer, der gerne mit Vollgas auf rote Ampeln zudonnert, um dann kurz vor der Ampel in die Eisen zu steigen. Effizient zu fahren, gehört nicht zur verbreiteten Stärke amerikanischer Autofahrer. Unser Tesla sucht im komplexen Straßennetz permanent nach der optimalen Verbindung, weicht Staus zuverlässig aus.
Die neueste Software reagiert auch auf polizeiliche Anweisungen
Regelrecht perplex war ich, als er eine rote Ampel überfuhr. Aber nicht aus technischen Versehen, sondern weil ein Polizist den Verkehrsstrom mit Handzeichen zum Weiterfahren aufforderte. Die Aufmerksamkeit des Tesla hat mich verblüfft. Besser hätte ich es nicht machen können.
Nur manchmal scheint unser Tesla zu zögern, wenn er an einer unübersichtlichen All-Stopp-Kreuzung anfahren soll. Das kurze Zögern ist offensichtlich der Sicherheit geschuldet, zumal wenn noch ein anderes Fahrzeug auf die Vier-Stopp-Kreuzung zufährt. Der Tesla ist mir da ein wenig zu vorsichtig. Dieses Problemchen ist mit Sicherheit schon beim nächsten Update eliminiert.
Beeindruckt hat mich eine späte Rückfahrt aus Las Vegas nach dem Thanks-giving-Wochenende. Ohne Ende Stau auf der Interstate 15 Richtung LA. Da war es einfach wunderbar, auf iPad Filme anzuschauen. Dass mich ab und zu der Sekundenschlaf für Minuten aus dem Verkehr zog, hat die Fahrt trotz Stau zu einem Erlebnis der besonderen Art gemacht. Nur einmal wurde die Fahrt unterbrochen. Zum Laden. Sicher steuerte unser Fahrzeug die nächste Tesla-Schnell-Ladestation an.
Die Zukunft in Europa ist in den USA bereits Gegenwart
Autopilotiertes Fahren ist zweifellos die Zukunft und in den USA schon die Gegenwart. Es wird Zeit, dass die EU-Beamten-Schar ihre Technologie-Distanz überwindet und sich nicht länger hinter Sicherheitsbedenken versteckt. Autopilotiertes Fahren könnte auch die E-Mobilität fördern, obwohl das automatisierte Fahren auch mit Verbrenner möglich ist.
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