Ein Schweizer Journalist schreibt einen „offenen“ Brief an Audi-Chef Stadler gegen die automobile Bevormundung – nun ja…

Audi-Chef Rupert Stadler
Stadler Audi TT Brief Alfa

Der neue Audi TT: „perfektionierte Schlaftablette“?

Der Schweizer Peter Ruch ist ein fröhlicher Mensch. Und ein exzellenter Automobil-Journalist, der zweifellos interessant, witzig und wohlfeil formulieren kann. Sein auf dem Die-Welt-Blog „PS ­– Autos, Kultur von Ulf Pschardt + Freunden“ platziertes Epos gegen die automobile Bevormundung ist ein viel kommentierter Renner auch in den gängigen Foren.

Weil es „Populismus“ nur auf gesellschaftspolitischer, nicht unbedingt auf technologischer Ebene gibt, reißen wir hier heute mal die gängige Kategorisierung ein: Was Ruch schreibt ist Anti-Technologie-Populismus pur. Weil er so amüsant dichtet, denken die Leser zu wenig über den Ernst und die Fragwürdigkeit des Inhalts nach. Vielleicht sind wir alle mal genervt von der Vielzahl der elektronischen Asisstenten, den vielen Einstellmöglichkeiten des Navi-Bildschirms undsoweiter. Aber machen sie das Autofahrern nicht auch ein wenig souveräner, sicherer und komfortabler?




Peter Ruch gratuliert Audi-Chef Stadler zum Erfolg der Firma. Und schon im zweiten Satz kommt er auf den Punkt: „Gefühlt jedes zweite Automobil, das in den geschwindigkeitsbeschränkten Abschnitten auf der Autobahn hinten eindeutig zu nah aufschließt, ist eines der Ihren.“ Ein ziemlich plattes Vorurteil. Ich habe das gleiche schon über BMW- und Mercedes-Fahrer gelesen.

Ich kenne viele, die jetzt mit dem Kopf nicken. „Das ist großartig, Sie haben eine tolle Kundschaft, und auch all die Milliarden Euro, die bei Audi auf der Haben-Seite liegenblieben dank der Gleichteile-Strategie mit Skoda, sind ein wirklich feiner Verdienst“, schreibt Ruch. OK, das kann man so sehen oder auch nicht. Spielt hier eigentlich keine Rolle. Der Kollege Ruchs aus dem Wirtschaftsressort würde es jedenfalls kritisieren, wenn Audi keine Gewinne machte.

Ruch fährt in seinem Brief an Stadler fort: „Trotzdem möchte ich Ihnen einen Rat geben: Leihen Sie sich einmal für zwei, drei Tage einen Alfa Romeo 4C aus. Das dürfte für Sie kein Problem darstellen, Ihre oberste Chefin fährt, ok, besitzt ja das eine oder andere Produkt der schönsten Tochter des Mutter-Konzerns von Alfa, da wird sich sicher etwas richten lassen.“ LOL.

Dass der Alfa ein schönes, zumindest interessantes Auto ist, einverstanden, dass seine Spaltmaße unter Winterkorns Augen keine Gnade fänden, geschenkt. „Der 4C hat einen Spurhalte-Assi. In Form des Lenkrads. Er hat auch einen Regensensor. Indem der Fahrer da rechts an einem Schalter rumfummelt, schneller, langsamer, gar nicht. Er hat einen Tempomaten, der heisst Gasfuß, und er hat auch ein Abstandsradar, nämlich die Augen des Piloten in Zusammenarbeit mit der Bremse.“ Endlich sagt´s mal einer, spricht´s mal aus, was sich niemand sonst zu sagen getraut. Wirklich?

Der Autor im Formulierungsrausch auf dem Weg zur Hervorbringung der ewigen Wahrheit. Sätze wie in Marmor gemeisselt. Sätze für die Ewigkeit.

Alles wunderbar. Hochtouriger kann man den Alfa nicht beschreiben wie in diesem Angriff auf den technologischen Fortschritt elektronischer Assistenten, der manchen zu viel geworden sein mag.

Ruchs Fazit ist aber übertrieben: „Werfen Sie den neuen TT weg“, fordert er Stadler auf. Er reihe sich ein in die vielen 2-Liter-FSI-Derivate, die nur noch langweilten. Es fehle „Charakter, werter Herr Stadler, bauen Sie bitte wieder einmal oder endlich einmal ein Auto mit Charakter“. Den habe jedenfalls einer wie der Alfa 4C. Die Audis hätten keinen, sie scheinen ohnehin nur was für Warmduscher und des Fahrens unkundige Millionärsgattinen zu sein, wenn man dem Autoren des offenen Briefes glauben will. Aber nichts für „Vollgas-Freaks“, die „Sonntagmorgen um 5 aufstehen, zwei, drei Pässe fressen“ und dann gut gelaunt mit der Familie frühstücken. Der Wahnsinn? Nein, Unsinn.

Und weiter: „Fahren Sie den 4C mal aus. Sie werden ein nervöses, fieses Teil erleben, das den Fahrer jede Sekunde des Weges fordert. Man will mit ihm nicht von München nach Hamburg fahren, dafür ist er zu laut, zu grob, zu aktiv, man würde schweißgebadet ankommen.“

Hat der Mann Recht? Wollen wir zurück zu den „fiesen Tieren“, die uns jede Sekunde fordern, während wir mit nassen Händen gerade noch verhindern, dass uns das Heck unseres Autos überholt? Wollen wir zurück zu 17.000 Verkehrstoten im Jahr in Deutschland, fast 15.000 mehr als heute? Ist die öffentliche Straße der richtige Ort für den Feldversuch, Fahrfreude als Driftorgie zu definieren? Ja, das macht höllisch Spaß, wenn man´s kann und niemanden gefährdet. Aber passt das noch in die Zeit? Hat es jemals in eine Zeit gepasst? Ich bin da – ehrlich – hin und her gerissen. Ich sehe die Bilder vor mir, wie Fahranfänger ihre Autos um Bäume gewickelt oder sonst wie fahrerisch völlig überfordert in den Gegenverkehr gecrasht haben.

Ich möchte von Hamburg nach München fahren, entspannt und nicht schweißgebadet. Ich will kein Auto, das nur dort großartig ist, „wo die Fahrfreude lebt“. Die lebt in meiner Erfahrung auch darin, sicher und entspannt anzukommen. Mich hat das ESP schon einmal vor einem schweren Unfall bewahrt. Hätte es gekracht, wäre die Fahrfreude dahin gewesen. Wir müssen wohl lernen, dass wir Fahrfreude anders definieren. Und schon gar nicht, ohne auf andere Rücksicht zu nehmen. Den neuen Audi TT als „perfektionierte Schlaftablette“ zu bezeichnen, ist nur rhetorisch originell.

Ich freue mich über jeden Alfa-Fahrer, der diese Fahrmaschine zu beherrschen weiß und seine Freude daran hat. Aber ich möchte nicht, dass sich ein ungeübter Fahrer damit den Kopf einrennt. Und ich möchte schon gar nicht, dass er mir auf einer kurvenreichen Landstraße auf meiner Straßenseite entgegenkommt, weil sein „Spurhalte-Assi“ Lenkrad versagt hat. Das serienmäßige ESP ist abschaltbar…




Dass der Autor kritisert, im Volkwagenkonzern würden zu viele Gleichteile verbaut und die Marken verwässert, ist typische Autotester-Denke. Wer jede Woche das Auto wechselt, mag sich schwer tun, noch große Unterschiede zu finden. Für den Käufer sind solche Überlegungen völlig irrelevant. Er will sein Auto haben und fährt es ein paar Jahre. In guter Qualität zu einem für ihn erschwinglichen Preis. Ob der Motor noch in einem anderen Fahrzeug des Konzerns arbeitet, ist ihm egal. Und wenn der Alfa ein so gutes Spaß-Auto ist, wie der Autor jubelt, dann wird er zweifellos seine Käufer finden. Ob der Alfa dem Audi TT das Wasser reichen oder gar abgraben kann, bleibt abzuwarten. Rupert Stadler hat jedenfalls keinen Grund, seine Planung und Strategie über den Haufen zu werfen. Der Erfolg wird ihm Recht geben. Audi baut seine Autos schließlich nicht für die Minderheit gekonnt quer fahrender Motorjournalisten.

 

 

3 Kommentare zu "Ein Schweizer Journalist schreibt einen „offenen“ Brief an Audi-Chef Stadler gegen die automobile Bevormundung – nun ja…"

  1. interessant, werter herr groschupf, kennen wir uns?

  2. Meine Denke war jetzt sehr lange die gleiche wie der Ruch und ich habe lange alles gelobt, was Alfa machte. Nach Wolfgang Egger hatte man es aber immer schwerer und wer das Prototyp-Original des 4C noch mit dem V6 Arese-Motor am Como-See genau betrachtete, hat den 4C schon vor Jahren verworfen. Nicht weil dieser nicht geil ist, sondern weil Alfa Romeo das nicht hin bekommt. Ich zählte mich die letzten 15 Jahre zu den grössten Fans von Alfa Romeo und war ein totaler Alfisti mit mehreren Alfas in der Garage. Ich habe jeden geliebt, werde aber um den 4C einen grossen Bogen machen und kaum je wieder einen Alfa kaufen. Denn Alfa Romeo hat nicht verstanden, dass es auch einmal ein Auto braucht, das wie der 156er nicht nur schön sondern auch nützlich ist. Der 4C ist nicht geil, der ist ein direktgelenktes GoKart ohne Finessen, weder übrmässig robust noch übermässig elegant. Das Teil ist nur laut, tief und unhandlich. Koffer? Ne. Sitzposition perfekt? Ne. Leistung? reicht aber nicht reichlich. schön? Hässlich wie kaum ein Alfa vorher.

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